Stand: 26.09.2017 09:16 Uhr

Bundestagswahl: Zwei Rekorde in Hamburg

Verluste für die beiden großen Parteien und Gewinne für alle kleinen Parteien: Die Bundestagswahl hat auch für Hamburg viele Überraschungen gebracht. Unter anderem gleich zwei Rekorde: In der Hansestadt haben die Grünen bundesweit ihr bestes und die AfD ihr schlechtestes Ergebnis im Bundesvergleich erzielt. Landeswahlleiter Oliver Rudolf zog ein positives Fazit des Wahlverlaufs in Hamburg. Zwar habe es verschlossene Türen bei zwei Wahllokalen gegeben, doch auch dieses Problem habe rasch behoben werden können. Der Wahltag selbst sei ohne besondere Vorkommnisse verlaufen, so Rudolf. Dafür freute er sich über mehr Briefwähler und eine gestiegene Wahlbeteiligung in Hamburg. Mit 75,5 Prozent gingen deutlich mehr Menschen wählen als 2013 (70,3 Prozent).

Beteiligung, Wählerwanderungen in den Stadtteilen

In den Stadtteilen gab es dabei deutliche Unterschiede bei der Beteiligung und den Stimmenanteilen: So gingen in Ohlstedt 90 Prozent der Berechtigten am Ende auch wirklich wählen. In Billbrook hingegen gaben nur 50 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Die SPD verlor fast in ganz Hamburg mehr als zehn Prozentpunkte; am meisten Wähler fand sie noch in Steilshoop mit 33 Prozent. Die CDU hatte in Francop mit 48 Prozent ihren besten Stimmenanteil. In Blankenese, Othmarschen und Neu Allermöhe erlitt sie hingegen hohe Verluste. Die Grünen konnten in drei Stadtteilen sogar die meisten Stimmen auf sich vereinen - in Eimsbüttel, Ottensen und Hoheluft West. Die Linke triumphierte sogar in neun Stadtteilen. In Grasbrook bekam sie über 40 Prozent. Die FDP legte vor allem in Wellingsbüttel und Nienstedten zu.

Als Gewinner können sich die kleinen Parteien sehen, die alle teils deutlich zulegen konnten.
Überhangmandate bescheren Hamburg mehr Abgeordnete

Komplexer sei der Sachverhalt bei den sogenannten Überhang- und Ausgleichsmandaten, so der Landeswahlleiter. Eigentlich stehen Hamburg insgesamt nur zwölf Sitze im Bundestag zu, nun sollen aber 16 Abgeordnete ins Parlament einziehen. Das Rechenwerk, um diesen Sachverhalt nachzurechnen, liege noch nicht vor. Sicher sei: Die SPD schickt fünf Abgeordnete aus Hamburg in den neuen Deutschen Bundestag, die CDU vier. Grüne, Linke und FDP je zwei und die AfD einen. Wegen der Überhang- und Ausgleichsmandate hat der 19. Deutsche Bundestag dieses Mal insgesamt 709 Sitze, das sind 78 mehr als bisher und 111 mehr als regulär vorgesehen.

Mehr Kandidaten über die Liste nach Berlin

Davon profitieren in Hamburg Kandidaten auf den Landeslisten, so wie Wieland Schinnenburg. Der FDP-Politiker zieht über die Landesliste in den neuen Bundestag ein - ebenso wie Hamburgs FDP-Chefin Katja Suding. Für die Linke geht neben dem Hamburger Spitzenkandidaten Fabio De Masi auch Zaklin Nastic über die Landesliste nach Berlin. Erstmals schickt die AfD einen Abgeordneten nach Berlin: Es ist Landeschef Bernd Baumann. Und bei den Grünen verteidigen Anja Hajduk und Manuel Sarrazin jeweils ihre Bundestagsmandate. Über die Landesliste ziehen außerdem die drei CDU-Männer Rüdiger Kruse, Christoph de Vries und Marcus Weinberg (CDU) in den Bundestag ein.

Zweitstimmen: Über die Landesliste nach Berlin

Gewerkschaften warnen vor Rassismus und Hass

Gewerkschaften, Kirche und Sozialverbände in Hamburg reagierten am Montag teilweise erschrocken über den Einzug der AfD in den Bundestag. Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger bezeichnete die Partei im Gespräch mit NDR 90,3 als arbeitnehmerfeindlich und rassistisch. Egal, wie eine zukünftige Bundesregierung aussehe, sie müsse sich für die Interessen von Arbeitnehmern und Rentnern, sowie für bessere Bildung einsetzen, so Karger. Gute Arbeit, den Sozialstaat, Demokratie und Weltoffenheit, bekäme man nicht geschenkt, ergänzte DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn.

Landespastor: Nicht von der AfD die Themen diktieren lassen

Klaus Wicher, Hamburger-Chef des Sozialverbandes Deutschland konstatierte den Wählern eine gewisse Anfälligkeit für radikale Parteien und forderte von den großen Parteien, dass sie sich um die Themen Renten, Armut und Hartz IV kümmern sollten. Nur so könne man enttäuschte Wähler zurückgewinnen, so Wicher. Landespastor Dirk Ahrens forderte die Politik und die Medien auf, sich von 13 Prozent Stimmenanteil für die AfD nicht die Themen diktieren zu lassen. Es gehe vielmehr darum, mit guter Politik, die Gesellschaft zusammen zu halten.

SPD liegt bei den Direktmandaten klar vorn

Bei den Direktmandaten liegt die SPD klar vorn. Fünf der sechs Direktmandate in Hamburg gehen an die Sozialdemokraten. Wie schon bei der Bundestagswahl 2013 gewannen die Sozialdemokraten die Wahlkreise Altona, Bergedorf-Harburg, Eimsbüttel, Mitte und Wandsbek. Damit ziehen wie vor vier Jahren Matthias Bartke, Metin Hakverdi, Niels Annen, Johannes Kahrs und Aydan Özoguz als direkt gewählte SPD-Abgeordnete in den Deutschen Bundestag ein. Der Wahlkreis Nord bleibt dagegen in der Hand der CDU. Über Jahrzehnte vom CDU-Politiker Dirk Fischer gehalten, konnte nun auch sein Nachfolger Christoph Ploß punkten. Er setzte sich gegen die SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Dorothee Martin durch.

Erststimmen: Die Ergebnisse aus den Hamburger Wahlkreisen

SPD und CDU verlieren deutlich

Die SPD schnitt nicht nur bundesweit, sondern auch in Hamburg schlecht ab. Die Partei von Bürgermeister Olaf Scholz kommt bei den Zweitstimmen in der Hansestadt auf nur noch 23,5 Prozent. Das ist ein Verlust von fast 9 Prozentpunkten. Die CDU verliert ebenfalls in Hamburg, ist hier aber mit 27,2 Prozent stärkste Partei - zum zweiten Mal in der Nachkriegsgeschichte.

Hamburgs CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg nannte das Abschneiden seiner Partei "eine kleine Enttäuschung". Dass die CDU in Hamburg wohl zum zweiten Mal in der Geschichte vor der SPD landen wird, sei aber "eine wichtige Botschaft für uns als Union". Weinberg betonte: "Wir sind auf Augenhöhe mit der SPD."

Hamburgs SPD-Spitzenkandidatin Aydan Özoguz sprach von einem "katastrophalen Ergebnis für die Sozialdemokraten". Ihre Partei müsse nun in die Opposition gehen und sich erneuern. Dass die SPD in Hamburg noch größere Verluste eingefahren hat als im Bund begründete Özoguz damit, dass die Sozialdemokraten von einem sehr hohen Niveau kämen. "Da kann man dann auch leichter verlieren." CDU und FDP meinen, die SPD-Verluste seien eine Quittung für Scholz und dessen Rolle etwa beim G20-Gipfel. Das weist der zurück: Die Wähler seien sehr klug und würden zwischen Bundestags- und Bürgerschaftswahlen genau unterscheiden, so Scholz.

Grüne holen bundesweit bestes Ergebnis

Drittstärkste Kraft sind in Hamburg die Grünen mit 13,9 Prozent, so viele Stimmen holte die Partei in keinem anderen Bundesland. Die Spitzenkandidatin der Grünen, Anja Hajduk, sagte zu einer möglichen Jamaika-Koalition im Bund: "Wir sind bereit Gespräche zu führen, aber es kommt schon auf die Inhalte an." Auch Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank sprach sich für Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition im Bund aus: "Für die Grünen gilt: Wer sein Programm ernst nimmt, der verhandelt auch darüber."

Die Linke kommt auf 12,2 Prozent. Hamburgs Linken-Spitzenkandidat Fabio De Masi zeigte sich sehr zufrieden mit dem Abschneiden seiner Partei in der Hansestadt. Die Linken lägen mit ihrem zweistelligen Ergebnis in Hamburg weit über jenem der Bundespartei, sagte De Masi. Das sei eine "Bestätigung unserer tollen Arbeit in dieser Stadt". Die FDP liegt bei 10,8 Prozent. Die Hamburger FDP zieht mit Katja Suding und Wieland Schinnenburg mit zwei Abgeordneten in den Deutschen Bundestag ein. "Wir Freie Demokraten liegen mit 10,8 Prozent seit langem erstmals über dem FDP-Bundesschnitt", sagte Suding. Mit Schinnenburg und ihr gebe es nun eine aktive Stimme für bessere Bildung, durchgreifende Digitalisierung und intelligentere Verkehrspolitik.

AfD holt ihr bundesweit schwächstes Ergebnis

Die AfD ist mit 7,8 Prozent deutlich schwächer als im Bund und holt in Hamburg so wenig Stimmen wie in keinem anderen Bundesland. In Hamburg durften fast 1,3 Millionen Wahlberechtigte ihre Stimme abgeben.

 

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 26.09.2017 | 07:00 Uhr

Hamburg und die Bundestagswahl

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