Stand: 20.11.2018 09:51 Uhr

Blinder Tennisspieler gründet eigenen Verein

von Katharina Jetter, NDR Info

Bei der Hörer-Aktion "Nicht meckern, machen!" hat NDR Info Initiativen, Vereine oder Menschen aus dem Norden gesucht, die etwas bewegt und so Dinge zum Besseren verändert haben. Aus den vielen Zuschriften sind sechs Initiativen ausgewählt worden. Gemeinsam mit den vier norddeutschen Tageszeitungen "Hannoversche Allgemeine Zeitung", "Hamburger Abendblatt", "Kieler Nachrichten" und "Ostsee-Zeitung" stellen wir die sechs Projekte vor.

Lust auf Sport? Kein Problem, es gibt genug Vereine für alle erdenklichen Sportarten. Aber für Menschen mit Behinderung sieht das leider noch anders aus. Diese Erfahrung hat auch der blinde Hamburger Richter Ronald Hinz machen müssen. Aber er ließ sich nicht von seinen Sport-Plänen abbringen.

Die Trainingsstunde in der Tennishalle des Hamburger Betriebssportverbandes hat bereits angefangen. Eine Trainerin ruft über den Platz. "Rückhand, rechts drehen, aus der Linie, Ronald, richtig schöner Ballwechsel, gut gemacht!" Ronald Hinz, über 1,90 Meter groß, sportliche Figur, den Schläger in der Hand, wartet auf das Kommando seines ebenfalls blinden Mitspielers Axel Eichstädt. "Ronald, fertig? Go!"

Aufgeben war keine Option für Ronald Hinz

"Für Menschen, die den Ball nicht sehen, ist das ein Wunder"

Der Ball klingelt leise, während er fliegt, und dann lauter, als er ganz in seiner Nähe landet. Dreimal darf der Schaumstoff-Ball in seinem Feld aufschlagen, dann muss er ihn treffen und zurückspielen. Natürlich muss man das üben, aber es geht überraschend gut, berichtet Ronald Hinz: "Also der kommt vor einem auf, man muss sich orientieren, wo ist er? Dann muss man da hinlaufen, mit dem Schläger ausholen und bam. Eine Selbstverständlichkeit, glaube ich, für jeden Sehenden, der sagt ja: Pillepalle. Aber für Menschen, die den Ball nicht sehen, ist das gefühlt ein Wunder."

Ein Mann befestigt Klettband am Boden eines Tennisfeldes. Im Hintergrund sieht man das Tennisnetz in Unschärfe. © Hamburger Abendblatt Foto: Marcelo Hernandez

Blind Tennis spielen - gar nicht so einfach!

NDR Info - Aktuell -

Es gibt genug Vereine für jede Sportart. Aber für Menschen mit Behinderung sieht das leider noch ganz anders aus. Ein blinder Tennisspieler lässt sich nicht entmutigen.

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Die Tennisvereine ziehen nicht mit

Vor einem Jahr hatte Ronald Hinz durch Zufall von der neuen Sportart für blinde Menschen erfahren und einen Workshop in Köln besucht. Er kam begeistert zurück - mit dem Plan künftig regelmäßig zu trainieren. Also rief er Tennisvereine an und fragte, ob sie sich vorstellen könnten, eine Sparte für blinde Spieler zu gründen. Er erhält nur Absagen. "Und von einem Verein gab es überhaupt keine Rückmeldung. Ja, so ist das halt." Kein Verein wollte mitziehen. Aber Ronald Hinz ließ sich nicht so schnell entmutigen. "Ich bin als Typ, glaube ich, ehrgeizig."

Ein schwieriger Lebensweg

Und was hat er für eine Lebensgeschichte: Als Kind schon stark kurzsichtig, kommt mit 18 Jahren der erste schwere Schub einer Stoffwechsel-Erkrankung, die ihn fast blind werden lässt. Er schafft das Abitur trotzdem. An einem ganz normalen Hamburger Gymnasium. Später studiert er, trotz weiterer Schübe, Jura in Marburg. Ohne die Liebe und große Unterstützung seiner Mutter hätte er das nie geschafft, sagt er. Doch dann kommt der nächste Schicksalsschlag. "Bei mir war das der Tod meiner Mutter, da war ich 25. Und ab da wusste ich: Jetzt bist du sehr auf dich alleine gestellt - und ab dem Zeitpunkt fängt man dann an zu fighten."

Im Leben und mit dem neuen Sport erfolgreich

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Der Kampf hat sich gelohnt: Heute, mit 52 Jahren, ist der blinde Ronald Hinz Richter am Hamburger Landgericht, verheiratet. Und einer, der nicht meckert, sondern macht - und jetzt eben Blindentennis spielen möchte. Er bleibt dran am Projekt, sucht eine geeignete Halle in der Hamburger City, gründet eine Betriebssportgruppe, findet nach langer Suche eine junge Tennis-Lehrerin, die sich das besondere Training zutraut. Denn blinde Menschen können ja nicht vom Abgucken lernen. "Da muss man an den Spieler rangehen. Man muss bereit sein, den Schüler auch mal anzufassen und ihm zu zeigen, wie er den Arm führen muss."

"Tennis ist einer super Sache!"

Dann lädt er aus ganz Deutschland einige der noch seltenen Blinden-Tennis-Trainer ein, ihr Wissen an einem Schnupper-Tag weiterzugeben. Und lanciert sein Projekt in den Hamburger Blinden-Netzwerken. "Ich war dann auch in der einen oder anderen Selbsthilfe-Organisation, habe das vorgestellt. Ich habe gesagt: 'Guckt mal hier, Tennis ist eine super Sache, und ihr könnt das alle und jetzt kommt ihr alle mit!'", berichtet er lachend.

Gruppe für blinde Kinder geplant

Acht Mitglieder hat die neue Betriebssportgruppe Blindentennis inzwischen. Sie sind schon zu Turnieren und Meisterschaften gefahren. Und werben weiter um Mitglieder und Sponsoren, damit sich noch mehr Leute das aufwendige Einzeltraining leisten können. Das übrigens weniger kostet als die Mitgliedschaft in einem normalen Tennisverein. Besonders am Herzen liegen Ronald Hinze die blinden Kinder in Hamburg. Für sie möchte er eine eigene Tennis-Gruppe gründen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 20.11.2018 | 07:50 Uhr

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