Stand: 26.01.2020 06:39 Uhr

Aus der Arbeitslosigkeit in die Fahrradwerkstatt

Dinge zu reparieren, dafür hat sich Andreas Lippert schon immer interessiert. Mehr als sechs Jahre war der gelernte Segelmacher arbeitslos. Seit zwei Monaten ist der 56-Jährige über das sogenannte Teilhabechancengesetz in einer Fahrradwerkstatt in Hamburg-Steilshoop beschäftigt. Ein sozialversicherungspflichtiger Job. Dabei zahlt der Staat Arbeitgebern und Arbeitgerberinnen, die Langzeitarbeitslose einstellen, bis zu fünf Jahre lang fast die kompletten Lohnkosten. "Ich habe vor einiger Zeit einen Herzinfarkt bekommen, habe jetzt auch fünf Stents und von daher bin ich nicht mehr ganz so fit für den Arbeitsmarkt, für das, was ich vorher gemacht habe", sagt Lippert. "Von daher bin ich eigentlich ganz stolz, dass man hier was machen kann und dass man auch noch was lernt."

Teilhabechancengesetz: Hamburg hat "die Rote Laterne"

Vertreter und Vertreterinnen von Beschäftigungsträgern und Arbeitsmarktfachleute aus ganz Deutschland haben nun nach einem Jahr Bilanz des Teilhabechancengesetzes gezogen. In Hamburg konnten mithilfe der Förderung 683 Arbeitsverträge für ehemals Langzeitarbeitslose abgeschlossen werden. Aktuell gibt es in der Stadt jedoch mehr als 16.000 Menschen die seit mehr als einem Jahr arbeitslos sind.

"Was man zunächst sagen kann ist, dass Hamburg zu den Bundesländern gehört, wo - relativ gesehen zu den erwerbsfähigen Leistungsberechtigten - die Zugänge am geringsten sind", sagt Peter Kupka, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. "Es gibt zwei Bundesländer, Hamburg und Hessen, die da die Rote Laterne haben."

Sozialsenatorin setzt auf Maßnahmen-Mix

"Für Hamburg ist das Teilhabechancengesetz einfach eine zusätzliche Fördermaßnahme, um Menschen in Arbeit zu bringen, wir haben noch viele weitere Maßnahmen", sagt Arbeits- und Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD). "Insgesamt haben zum Beispiel im vergangenen Jahr 5.000 Menschen von Arbeitsmarktmaßnahmen in Hamburg profitiert." Und dann habe man noch einen sehr guten Arbeitsmarkt, so dass es vielen Menschen im Leistungsbezug inzwischen auch ohne Unterstützung gelinge, in Hamburg Arbeit zu finden, so die Senatorin.

Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD).
Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard weist die "Rote Laterne" von sich und verweist auf weitere Maßnahmen.

Die Hälfte der geförderten Jobs entstand allerdings bei sozialen Projekten und Beschäftigungsträgern wie bei der Fahrradwerkstatt in Steilshooop und nicht in der freien Wirtschaft. "Unser Anspruch war, zwei Möglichkeiten zu bieten", sagt Leonhard. Und zwar "sowohl bei einem Beschäftigungsträger in Arbeit zu sein, wo man auch noch andere Möglichkeiten hat, Menschen zu unterstützen. Aber auch da, wo es gelingt, am ersten Arbeitsmarkt Arbeitsverhältnisse zu fördern". Beides sei gleichermaßen wichtig.

Lippert hofft auf Weiterbeschäftigung

Andreas Lippert ist zunächst für zwei Jahre angestellt. Er hofft auch nach dem Auslaufen der Förderung in der Fahrradwerkstatt bleiben zu können.

Weitere Informationen
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Teilhabechancengesetz: Eher positive Zwischenbilanz

Das neue Teilhabechancengesetz soll Langzeitarbeitslosen helfen. In Hamburg haben auf dieser Basis 700 Menschen seit der Einführung einen Job gefunden. Doch es gibt auch Verluste. (17.01.2020) mehr

Menschen stehen in der Agentur für Arbeit an. © NDR

Fragen und Antworten zum Teilhabechancengesetz

Was ist neu und wie werden Teilnehmer ausgesucht? Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales beantwortet die wichtigsten Fragen zum neuen Teilhabechancengesetz. extern

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 24.01.2020 | 19:30 Uhr

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