Stand: 01.08.2017 06:20 Uhr

Attacke in Barmbek: Bundesanwalt übernimmt

Drei Tage nach der tödlichen Messerattacke eines abgelehnten Asylbewerbers in Hamburg-Barmbek hat die Bundesanwaltschaft "wegen der besonderen Bedeutung des Falles" die Ermittlungen übernommen. Wie eine Sprecherin der Behörde mitteilte, liegt nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler ein radikal-islamischer Hintergrund nahe. Der Täter habe sich aber wohl selbst radikalisiert. Es gebe keine Anhaltspunkte für eine Mitgliedschaft in der Terrororganisation Islamischer Staat oder einer anderen Gruppierung. Zudem lägen auch keine Hinweise auf andere Tatbeteiligte oder Hintermänner vor.

Täter will als Terrorist behandelt werden

Polizei und Staatsanwaltschaft versuchen, Motiv und Hintergründe der Tat aufzuklären, bei der am Freitag ein 50-jähriger Mann getötet und sieben weitere Personen verletzt wurden. Ein Polizeisprecher bestätigte, dass der 26-jährige Palästinenser bei seiner Festnahme gesagt haben soll, er wolle als Terrorist behandelt werden. Das füge sich in das Persönlichkeitsbild, bei dem neben dem Verdacht des Islamismus auch die psychischen Auffälligkeiten des Mannes immer wieder eine Rolle spielten. Zu den Ermittlungen gehört auch die Frage, warum der spätere Attentäter nicht vom sozialpsychiatrischen Dienst untersucht wurde, wie es der Verfassungsschutz zu Beginn des Jahres empfohlen hatte.

2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen

Der Palästinenser, der in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren wurde, hatte in einem Supermarkt in der Fuhlsbüttler Straße unvermittelt auf umstehende Menschen eingestochen. Er war 2015 als Flüchtling nach Deutschland gekommen, ein Jahr später wurde sein Asylantrag abgelehnt. Zuvor war er den Angaben zufolge in Norwegen, Schweden und Spanien. Er befand sich bereits im Ausreiseverfahren, hatte gegen seinen negativen Asylbescheid keine Rechtsmittel eingelegt und auch bei der Organisation von Passersatzpapieren mitgewirkt.

Verfassungsschutz empfahl Untersuchung des Täters

Ein Freund des Täters hatte die Hamburger Behörden auf eine Radikalisierung des 26-Jährigen hingewiesen. Dabei gewannen die Beamten den Eindruck, bei ihm handele sich eher um eine destabilisierte und verunsicherte Persönlichkeit. Eine Gefahr sah man in ihm aber nicht, zumal der Verfassungsschutz keine Hinweise darauf hatte, dass der Mann in die Hamburger Islamistenszene eingebunden war. Der Verfassungsschutz regte dennoch an, den Mann wegen psychischer Probleme untersuchen zu lassen.

Für weitere Taten verantwortlich?

Routinemäßig prüft die Polizei, ob der Mann als Täter für andere Straftaten in Frage kommen könnte. Dazu zählt auch der ungeklärte Mord an einem 16-jährigen Schüler unter der Kennedybrücke, der im Oktober vergangenen Jahres von einem unbekannten Täter erstochen wurde. Die Täter-Beschreibung passt auch auf den jetzt festgenommenen Mann - weitere konkrete Hinweise hat die Polizei aber nicht.

Haftbefehl erlassen

Am Samstagabend hatte ein Richter Haftbefehl wegen des Verdachts auf vollendeten Mord sowie fünffachen versuchten Mord erlassen. Wie eine Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft sagte, ergaben sich "keine belastbaren Hinweise" für eine verminderte Schuldfähigkeit. Zum Tathergang oder seinem Motiv habe der Mann keine Angaben gemacht, wohl aber zu seiner Person. Der Mann sei in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg.

Kommentar
NDR Info

Schärfere Gesetze bringen nichts

NDR Info

Der Messerangriff in Hamburg hat die Debatte über schärfere Gesetze neu entfacht. Doch die seien unnötig, meint Anja Günther - die bestehenden müssten nur angewendet werden. mehr

Rufe nach strengeren Gesetzen

Die Attacke löste eine Sicherheitsdebatte aus. Erst am Sonnabend trat das "Gesetz zur besseren Durchsetzung der Ausreisepflicht" in Kraft. Damit wird unter anderem die Abschiebehaft für "Gefährder" ausgeweitet und ihre Überwachung per Fußfessel erleichtert. Aus der CDU-Bundestagsfraktion kamen zudem Forderungen nach einer Passpflicht für Asylbewerber und nach einer schärferen deutschen Visa-Politik gegenüber Staaten, die bei der Rückführung ihrer Bürger nicht kooperieren.

Sondersitzung des Innenausschusses

In Hamburg geht die Aufarbeitung in der kommenden Woche in einer Sondersitzung des Innenausschusses weiter, wie NDR 90,3 berichtete. Die SPD will dort eine Schwachstellenanalyse vornehmen. Wie muss man mit Tätern umgehen, die psychisch auffällig sind, aber keine erkannten Gefährder? Die CDU, Fraktionschef Andrè Trepoll die Sondersitzung beantragte, meint, der offenbar labile Palästinenser stelle einen bereits bekannten Tätertyp dar, er hätte enger überwacht werden müssen. Und die CDU will außerdem vom Senat wissen, wie die rund 800 ausreisepflichtigen Islamisten in Hamburg überwacht werden.

Messerattacke im Supermarkt

Weitere Informationen

Messerattacke: Diskussion um Abschiebepraxis

Nach der Messerattacke in Hamburg-Barmbek steht die Abschiebepraxis bei abgelehnten Asylbewerbern in der Kritik. Gegen den mutmaßlichen Täter ist derweil Haftbefehl erlassen worden. (31.07.2017) mehr

Messerattacke: Haftbefehl gegen 26-Jährigen

Gegen den mutmaßlichen Täter einer tödlichen Messerattacke von Hamburg-Barmbek ist Haftbefehl erlassen worden. Am Tatort gedachten Anwohner und Politiker der Opfer und legten Blumen nieder. (30.07.2017) mehr

Messerangreifer: Nachbarn hatten Angst vor ihm

Vor seiner tödlichen Messerattacke in Barmbek wohnte der 26-Jährige abgelehnte Asylbewerber in einem Flüchtlingsheim in Hamburg-Langenhorn. Seine früheren Nachbarn hatten Angst vor ihm. (30.07.2017) mehr

Stolz auf Hamburgs mutige Helden

Nach der Messerattacke in einem Hamburger Supermarkt legen Menschen Blumen vor dem Tatort nieder. Auch Jamel Chraiet ist in der Nähe - er und andere hatten den Angreifer verfolgt. (30.07.2017) mehr

Nach dem Messerangriff: Barmbek unter Schock

In Hamburg-Barmbek trauern Anwohner um die Opfer einer Messerattacke. Am Freitag hatte ein Mann einen anderen mit einem Messer erstochen und sechs Menschen teils schwer verletzt. (29.07.2017) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | NDR 90,3 Aktuell | 01.08.2017 | 06:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

02:30
Hamburg Journal

Will ThyssenKrupp die Werften abstoßen?

19.06.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
01:55
Hamburg Journal

Bryan Adams setzt Hamburg in die Zeitmaschine

19.06.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:36
Hamburg Journal

Wie sicher ist das Hamburger Stromnetz?

19.06.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal