Stand: 03.12.2019 19:07 Uhr

Atlantik statt Alster: 5.500 Kilometer rudern

von Kathrin Otto

"Die Naturgewalt ist eigentlich meine größte Angst", sagt Catharina Streit. Die könne man nicht beherrschen, nicht vorhersehen, was auf einen zukommt. Meike Ramuschkat ergänzt, sie bereite sich zwar so gut wie möglich vor, aber sie habe doch großen Respekt. Die Hamburgerinnen rudern. Bislang auf der Alster. Die Naturgewalten, mit denen sie da bisher in Berührung gekommen sind, waren mal ein Regenschauer, eine Windböe oder ein bewölkter Himmel. Erst im April 2018 haben die beiden 32-Jährigen einen Ruder-Anfängerkurs belegt. Mit einem konkreten Ziel: Im Ruderboot wollen sie den Atlantik überqueren, 3.000 Seemeilen, 5.500 Kilometer, von La Gomera nach Antigua. Sie wollen an der Regatta "Talisker Whisky Atlantic Challenge" teilnehmen - als erstes deutsches Team. Sie wollen die Strecke in 59 Tagen schaffen.

Catharina Streit, Meike Ramuschkat, Stefanie Kluge und Jennifer Seibt rudern auf der Alster © NDR

Im Ruderboot über den Atlantik

Vier Hamburgerinnen trainieren für ein Hochsee-Abenteuer: Im Ruderboot wollen sie den Atlantik überqueren. 5.500 Kilometer geht es für sie von La Gomera nach Antigua.

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Keinerlei Wassersport-Erfahrung

Die Idee dazu kam Streit als sie die Doku "Four Mums In A Boat" sah. Darin bestreiten vier Britinnen - alle zwischen 40 und 50 Jahre alt - das Rennen. "Cool, wenn irgendwelche Mamas das können, warum nicht auch wir", dachte sie und erzählte ihrer Freundin davon. Die fand die Idee absurd. Beide sind zwar sehr sportlich, haben zusammen in der Hockey-Bundesliga gespielt, Marathons und Triathlons geschafft und gemeinsam den Kilimandscharo bestiegen. Mit Wassersport aber haben sie bis dahin nichts am Hut. Erst als Ramuschkat im Winter 2017 bei einem Urlaub auf La Gomera zufällig den Start der Regatta und die Stimmung dort miterlebt, will sie auch mitmachen. "Aus dem Alltag was ganz anderes zu machen, das ist es, was einen reizt", sagt sie. "Und natürlich: Kann ich das psychisch, kann mein Körper das?"

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Talisker Whisky Atlantic Challenge

Etwa 5.500 Kilometer rudern, von La Gomera nach Antigua - darum geht's bei der Talisker Whisky Atlantic Challenge. Das ist nicht ungefährlich - bei bis zu 20 Fuß hohen Wellen. extern

Ruder-Anfängerkurs erst im April

Während der ersten Planungen treffen die beiden Jenny Seibt, die Streit von früher kennt und die seit über 30 Jahren rudert. Sie erzählen ihr von der Atlantiküberquerung. "Ich fand das ziemlich cool", sagt Seibt. "Es hat aber gedauert, bis ich verstanden hab, dass sie mich gefragt haben, ob ich mitkommen möchte." Denn Streit und Ramuschkat planen die Tour im Vierer-Frauenteam. Fehlen nun nur noch: die vierte Teamkollegin und eigene Ruderkenntnisse. Beide belegen einen Kurs beim Hamburger Verein WSAP (Wassersportabteilung der Polizei), wo sie auch Stefanie Kluge kennen lernen. Die rudert seit 2011, hat diverse Regatten bestritten und arbeitet nebenberuflich als Rudertrainerin. Als sie zum ersten Mal von der Idee hört, sucht sie zunächst nach einer vierten Frau für das Team - und nimmt diesen Platz schließlich einfach selbst ein.

Ein Boot wie eine Raumkapsel

Seit dem Sommer ist das Rowhhome-Team komplett und fiebert dem Starttermin im Dezember 2019 entgegen. Klingt noch weit weg - doch bis dahin gibt es einiges zu tun. Ihr hochseetaugliches Ruderboot haben die vier Frauen bestellt. Ende Oktober können sie das acht Meter lange und zwei Meter breite Gefährt für 50.000 Euro bei der britischen Werft Rannoch Adventure abholen - noch ohne jegliche technische Ausrüstung. Das Ruderboot sehe aus wie eine Raumkapsel, sagt Kluge. Vorne und hinten hat es je eine Schlafkabine, in die zwei Personen passen. Man müsse aber sehr gerade liegen, um darin zu zweit schlafen zu können. Das ist so aber auch nicht geplant. Den Tagesablauf während der Regatta beschreibt Kluge so: "Zwei Stunden rudern, zwei Stunden Pause, zwei Stunden rudern, zwei Stunden Pause - 24 Stunden am Tag, auch nachts." Nur im Notfall soll von dem Plan abgewichen werden - die "Four Mums In A Boat" etwa kamen 2015 in einen Hurricane und waren über 60 Stunden in den beiden wasserdicht verschließbaren Kabinen gefangen.

"Trockenfutter" für 100 Tage an Bord

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Vier Frauen, eine Mission: Meike Ramuschkat, Jennifer Seibt, Stefanie Kluge und Catharina Streit haben sich zur Talisker Whisky Atlantic Challenge angemeldet. Im Dezember 2019 soll es losgehen.

Stupide wird der Alltag an Bord werden und kräftezehrend. Sollte eine der Frauen krank werden, müssen die anderen für sie übernehmen. Seit Kurzem haben die vier einen Personal-Trainer, der sie auf die körperlichen Strapazen vorbereiten soll. Das Ruderrennen wird nicht begleitet und Kontakt zur Rennleitung gibt es nur per Funk. Kurse im Funken und Navigieren sind darum verpflichtend. Ab November gehen die Hamburgerinnen das nach und nach an. Ein Mental Coach soll sie auf Gefahrensituationen vorbereiten - und darauf, für lange Zeit auf engstem Raum zu sein. Denn viel Platz bleibt auf 16 Quadratmetern Boot für vier Frauen nicht. "Wir werden Essen für 100 Tage mitnehmen, so etwas wie trockengefrorenes Essen, wo man Wasser drauf kippt. In allen Variationen und Geschmacksrichtungen", sagt Ramuschkat. Außerdem Nüsse und Energieriegel. Für die Wasserversorgung - jede muss täglich etwa vier Liter zu sich nehmen - kommt eine Entsalzungmaschine mit. Ein Campingklo ist auch an Bord.

Im Ruderboot über den Atlantik

Kosten wie auf einer Kreuzfahrt

Für die notwendigen Kurse, Reisen und die technische Ausstattung an Bord kommen zu den Kosten für das Boot noch einmal etwa 50.000 Euro, auch die Anmeldegebühr für die Regatta ist mit 23.500 Euro nicht gerade günstig. Die vier hoffen auf Spender - deren Namen werden auf dem Boot verewigt - und auf Sachspenden, wie Outdoor-Ausrüstungen oder notwendige Sitzkissen.

Kosten wie auf einer Kreuzfahrt, Komfort wie auf einer Kanutour - so lässt sich die Regatta zusammenfassen. Trotzdem haben sich alle vier für jeweils drei Monate beurlauben lassen und freuen sich auf das Rennen. "Rauskommen aus dem Alltagstrott, den Mut haben, was anderes zu machen und seine Ängste überwinden, denn die sind einfach da", beschreibt Seibt ihre Motivation. Die anderen nicken - mit breiten Grinsen auf den Gesichtern.

Etwa zwei Monate später, am 13. Dezember, hat Jennifer Seibt ihren Rücktritt bekannt gegeben. Kurz vor der Bootstaufe hat sie ihren Platz an Timna Kluge, der Tochter von Stefanie Kluge, übergeben.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Hamburger Hafenkonzert | 06.12.2019 | 20:00 Uhr

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