Stand: 22.05.2019 19:07 Uhr

Alsterdorf: Ein Stadtteil feiert 800. Geburtstag

Alsterdorf - wie das schon klingt. Der Name ist reine Poesie. Er erinnert ein bisschen an ein hanseatisches Auenland, nur ohne Hobbits. 1219 klang der Ortsname noch ein bisschen anders. "Die Siedlung hieß Alsterthorpe, also 'Das Dorf an der Alster'. Der Name taucht in einer Urkunde des Bremer Erzbischofs auf", erklärt der Alsterdorfer Historiker Franklin Kopitzsch. Mehr als vier Bauernhöfe habe es damals nicht gegeben.

Kreuzung Alsterdorfer Straße, Sengelmannstraße, heute Wohnhäuser aus den 50er Jahren © Alsterdorfschreiber Kreuzung Alsterdorfer Str., Sengelmannstr., 27.06.1934, Nikolai-Stift, Keimzelle der Alsterdorfer Anstalten © Alsterdorfschreiber

Die Kreuzung Alsterdorfer Straße / Sengelmannstraße: Früher stand hier ein altes Bauernhaus, heute hingegen Wohnhäuser aus den 50er-Jahren.

Etwas Dorf-Charakter ist geblieben

Tatsächlich steckt auch heute noch ein bisschen Dorf in Alsterdorf. Mittendrin steht am Alsterdorfer Damm ein altes Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert mit Reetdach - hinter großen Büschen versteckt, aber top in Schuss. "Es ist das älteste Gebäude im Stadtteil. Man kann erkennen, dass das ein wohlhabender Bauer war. Alsterdorf hatte damals 150 Einwohner und war durchweg landwirtschaftlich geprägt", so Kopitzsch.

Jahrhundertelang war Alsterdorf ein kleines Kaff mit ein paar Kühen auf überschwemmten Alsterwiesen. Erst im 19. Jahrhundert brachten Wäscherein und Färbereien, die von Winterhude weiterzogen, Industrie und Leben ins Dorf. An der Alsterdorfer Straße erinnern bis heute ein Fabrikschornstein und eine Fabrikantenvilla an diese Zeit.

Bürogebäude an der Alsterdorfer Straße Ecke Carl-Cohn-Str. © Alsterdorfschreiber Alsterdorfer Straße Ecke Carl-Cohn-Str. Das Gasthaus "Zum Holsteinischen Hause" um das Jahr 1900 herum © Alsterdorfschreiber  Foto: privat

Das Gasthaus "Zum Holsteinischen Hause" gibt es nicht mehr, inzwischen an der Alsterdorfer Straße Ecke Carl-Cohn-Straße Wohngebäude.

Die Alsterdorfer Anstalten

Dass der Name Alsterdorf in Hamburg und über die Stadtgrenzen hinaus einen besonderen Klang hatte, geht auf den Entschluss des Pastors Heinrich Sengelmann zurück, sich Mitte des 19. Jahrhunderts hier mit einer Gruppe geistig behinderter Menschen anzusiedeln - es war der Grundstock der Alsterdorfer Anstalten. Sengelmann wollte die behinderten Menschen nicht wegschließen, sondern befreien. Dieser revolutionäre Geist der Nächstenliebe, der in Sengelmanns Gründung liegt, wurde allerdings bald vergessen. Schon nach dem Ersten Weltkrieg begann man auch in Alsterdorf, Menschen mit Handicap anders zu sehen und zu behandeln. In der Nazi-Zeit lieferten Mitarbeiter der Anstalten Menschen an die Behörden aus, die sie ermordeten.

Videos
01:54
NDR 90,3

Die Geschichte der Alsterdorfer Anstalten

NDR 90,3

Die dunkelste Zeit der Alsterdorfer Anstalten war während es Nationalsozialismus. Bis in die 1970er Jahre wurden Patienten angekettet. Seitdem hat sich auf dem Gelände viel getan. Video (01:54 min)

Ein grüner und citynaher Stadtteil

1979 brachte das "ZEIT-Magazin" einen großen Artikel über die Zustände in den deutschen Psychiatrien. Das Foto einer Frau in einer Zwangsjacke in den Alsterdorfer Anstalten wurde zum Titelbild. Bilder von fixierten Menschen, die ohne Privatsphäre in Alsterdorf in Zimmern Bett an Bett vegetierten, und Berichte von Misshandlungen, schockierten die Bevölkerung. Dieser Artikel wurde zum Ausgangspunkt für eine umfassende Reform. Aus den Alsterdorfer Anstalten wurde die Stiftung Alsterdorf. Nicht nur der Name wurde geändert, sondern auch die Philosophie. Die Zäune wurden abgebaut, das Gelände geöffnet. 2003 wurde der neue Alsterdorfer Markt in Betrieb genommen.

So erleben die Alsterdorfer ihren Stadtteil heute als grün, citynah und inklusiv. Was sind da schon die Flugzeuge, die gerade wieder im Minutentakt über den Stadtteil donnern. Das geht vorbei.

Geschäftshäuser an der Alsterdorfer Straße © Alsterdorfschreiber Mutter und Sohn im Jahr 1940, an der Alsterdorfer Straße © Alsterdorfschreiber  Foto: privat

Heute parken viele Autos in der Alsterdorfer Straße platzsparend quer. Um 1940 herum war das nicht notwendig.

Weitere Informationen
28:30
NDR 90,3

800 Jahre Alsterdorf

NDR 90,3

Grün, citynah und inklusiv: Wie aus einem kleinen Dorf mit Kühen und überschwemmten Wiesen der lebendige Stadtteil von heute wurde, das berichtet das Kulturjournal Spezial. Audio (28:30 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 22.05.2019 | 20:00 Uhr

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