Stand: 06.11.2020 20:21 Uhr

120 Jahre Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg

von Petra Volquardsen

Exotische Mücken, hochgefährliche Viren: Seit 120 Jahren werden am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut Tropenkrankheiten erforscht und behandelt.

"Dieses Bewusstsein, dass man da an etwas Besonderem arbeitet, auch dieser Pioniergeist. Das steckt tief in den Mauern", sagt Deutschlands wohl bekanntester Virologe, Christian Drosten. Der Corona-Fachmann hat mehrere Jahre am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg gearbeitet - erst als Assistenzarzt, dann als Leiter der klinischen Virologie.

Gründung in Zeiten von Cholera

Als das Institut vor 120 Jahren gegründet wird, hat Hamburg gerade die große Cholera-Epidemie erlebt. Der Marinearzt Bernhard Nocht kennt sich mit dieser Krankheit gut aus und wird deshalb aus Berlin nach Hamburg geholt. Später überträgt ihm der Senat den neu geschaffenen Posten des Hafenarztes. Weil mit den Schiffen auch bis dahin unbekannte Krankheiten im Hafen ankommen entsteht die Idee zur Gründung des "Instituts für Schiffs- und Tropenkrankheiten".

Bernhard-Nocht-Institut thront am Hafen

Zunächst wird das neue Institut im Seemannskrankenhaus untergebracht - dort, wo heute das Hotel "Hafen Hamburg" steht. 1914 - kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs - ist der Neubau fertig. Das rote Backsteingebäude, das wie ein Schloss über dem Hafen thront, ist nach einem Entwurf des Hamburger Architekten und Oberbaudirektors Fritz Schumacher entstanden.

Eine Mücke sitzt im Gegenlicht. © fotolia/mycteria Foto: mycteria

AUDIO: 120 Jahre Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (49 Min)

Der Tropenmediziner Bernhard Nocht © BNI-Archiv
Der Marinearzt Bernd Nocht war erster Leiter das Instituts.

Bernhard Nocht schreibt damals: "Im dritten Stock befindet sich ein großer fotografischer Arbeitsraum mit geräumiger Dunkelkammer und Nebenräumen, Wohnungen für drei Ärzte oder Medizinalpraktikanten, ein großes Speisezimmer und ein ebenso großes Rauchzimmer für die Mitglieder des Instituts. Und endlich einige dauernd auf tropischer Temperatur gehaltene Mücken- und Schlangenzimmer."

Malaria wichtiger Arbeitsschwerpunkt

Seit der Gründung des Tropeninstituts ist die Infektionskrankheit Malaria ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt. In Kooperation mit afrikanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern arbeitet das Institut an der weiteren Erforschung der Krankheit und an neuen Behandlungsmethoden. Im modernen Hochsicherheitslabor in Hamburg wird an hochgefährlichen Lassa- oder Ebolaviren geforscht.

VIDEO: Corona-Forschung am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut (3 Min)

"Viele der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind regelmäßig zum Arbeiten in tropischen Ländern. Das schweißt zusammen", sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit. So verfügt das Bernhard-Nocht-Institut etwa über ein mobiles Labor, das in kürzester Zeit dort aufgebaut werden kann, wo es gebraucht wird. Beim bislang letzten Ebola-Ausbruch in Afrika mit Tausenden Toten war das mobile Labor im Einsatz. Zurzeit steht es auf Lesbos, um auf der griechischen Insel mit vielen Geflüchteten die Coronalage unter Kontrolle zu bringen.

NS-Zeit: Medikamenten-Tests an Psychiatrie-Patienten

Aber es gibt auch dunkle Flecken in Geschichte des Instituts. Ohne die deutschen Kolonien der Kaiserzeit gäbe es das Tropeninstitut nicht, sagt Markus Hedrich von der Universität Hamburg, der sich mit diesen Zusammenhängen beschäftigt. Und zur Zeit des Nationalsozialismus wird die Ausbreitung des Fleckfiebers im jüdischen Ghetto in Warschau und im KZ Neuengamme erforscht, Malaria-Medikamente werden an Psychiatrie-Patienten in Langenhorn ausprobiert.

Bernhard-Nocht-Institut entwickelt Corona-Tests

Prof. Dr. Marylyn Addo -  Leiterin der Sektion Infektiologie am UKE © picture alliance/dpa-POOL/dpa Foto: Ulrich Perrey
Prof. Dr. Marylyn Addo - Leiterin der Sektion Infektiologie am UKE und Infektologin am Bernhard-Nocht-Institut.

Aktuell spielt die Bewältigung der Corona-Pandemie eine große Rolle in der Arbeit des Bernhard-Nocht-Instituts. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickeln neue Tests. Marylyn Addo, Infektologin am Bernhard-Nocht-Institut, testet am UKE gerade einen Corona-Impfstoff an Freiwilligen.

Wichtige Anlaufstelle für Reisende

Eine wichtige Anlaufstelle für Reisende sind die Reiseberatung und die Ambulanz für Reiserückkehrer. Gerade etwa bei Malaria sei es wichtig, die Symptome zu erkennen und möglichst schnell mit der Behandlung zu beginnen, sagt Michael Ramhardter, der Leiter der klinischen Forschung am Bernhard-Nocht-Institut und der Sektion Tropenmedizin am UKE. "Malaria kann man, wenn die Krankheit früh diagnostiziert wird, zu hundert Prozent heilen. Wenn man zu viel Zeit verstreichen lässt, wird es lebensbedrohlich. Wir haben jedes Jahr Todesfälle, die vermeidbar wären", so Ramhardter.

"Forschen, Heilen, Lehren", dieser Dreiklang, dem sich das Institut bis heute verpflichtet fühlt, geht auf Bernhard Nocht zurück. Weltweit gibt es nur wenige vergleichbare Einrichtungen.

Weitere Informationen
Eine Fotografie von 1892 zeigt eine Desinfektionskolonne. © picture-alliance Foto: akg-images

Pest, Spanische Grippe, Corona: Seuchen und ihre Bekämpfung

Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung, mit denen wir heute Corona eindämmen, waren schon vor Jahrhunderten das Mittel der Wahl. mehr

Fassadenansicht Bernhard-Nocht-Institut 1960
19 Min

Urwaldsorgen an der Elbe

Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg-St. Pauli forscht seit 60 Jahren über Tropenkrankheiten. 19 Min

Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin © picture-alliance/dpa Foto: Maurizio Gambarini

120 Jahre Tropenforschung in Hamburg

Mücken, Viren, gefährliche Würmer: Seit 120 Jahren forscht das Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg - derzeit auch am Coronavirus. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Hamburger Hafenkonzert | 08.11.2020 | 06:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus Hamburg

Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel bei einer Landespressekonferenz. © NDR Foto: Screenshot

Mehr als 5,5 Milliarden Euro Corona-Hilfen in Hamburg

Laut Finanzsenator Dressel stehen weitere 1,5 Milliarden Euro für Unternehmen und Kultureinrichtungen bereit. mehr

Hamburgs Simon Terodde (2.v.r.) wird von seinen Mitspielern für einen Treffer gefeiert. © WITTERS Foto: ValeriaWitters

Livecenter: Hamburger SV spielt in Düsseldorf

Englische Woche in der 2. Fußball-Bundesliga: Tabellenführer HSV tritt heute im Spitzenspiel ab 20.30 Uhr bei Fortuna Düsseldorf an. mehr

Das Hamburger Rathaus © dpa Foto: Christian Charisius

Corona-Tests in der Hamburgischen Bürgerschaft

Angesichts des verschärften Lockdowns und Risiken durch Virus-Mutationen werden nun im Rathaus an Plenartagen Corona-Tests angeboten. mehr

Wohnen in Hamburg: Die Baustelle, auf der 182 Wohnungen für das Hamburger Unternehmen Saga entstehen, aufgenommen vor dem Richtfest für das Gebäude. © dpa-Bildfunk Foto: Daniel Reinhardt

Weniger neue Sozialwohnungen in Hamburg bewilligt

Stadtentwicklungssenatorin Stapelfeldt macht die Corona-Krise dafür verantwortlich. Wohnungsunternehmen sehen auch andere Gründe. mehr