Stand: 31.08.2020 06:15 Uhr

Sie schaffen das - jeden Tag

von Carolin Fromm

Vor fünf Jahren sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angesichts der großen Zahl ankommender Flüchtlinge ihren berühmt gewordenen Satz "Wir schaffen das". Was bedeutet der Satz heute?

Mütter und Kinder spielen in Hamburg im Kita-Zelt der Initiative für Flüchtlinge am Hauptbahnhof. © dpa Foto: Christian Charisius
Im Kita-Zelt am Hamburger Hauptbahnhof konnten 2015 geflüchtete Kinder ausruhen und spielen.

"Wir schaffen das", denke ich, als ich das etwa zweijährige Mädchen mit dem offenen Rücken sehe. Die Kleine sitzt mit ihrer Mutter auf einem Kinderstuhl in einem gräulich verfärbten Großraumzelt auf dem Vorplatz des Hamburger Hauptbahnhofs. Seit August helfen hier Freiwillige den ankommenden und durchreisenden Geflüchteten. Es ist ein feucht-kalter Herbstabend im Jahr 2015, als der Vater des Mädchens mich bittet, der Familie einen hygienischen Schlafplatz zu besorgen. In der Erstaufnahme für Geflüchtete am Harburger Bahnhof soll die kleine Familie auf Pritschen in einem unbeheizten Zelt schlafen, in dem es nach feuchten Decken riecht, gefährlich für ein schwer krankes Kleinkind.

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In dieser Nacht schaffe ich es nicht

Es ist schon fast Nacht, als ich aus der S-Bahn in Harburg steige. Vor dem rot geklinkerten Gebäude liegt eine Zeltstadt. Riesige Lüfter, deren Papierrohre in die Zelte hinein ragen, stehen zwischen den provisorischen Unterkünften. Im Gebäude liegen und lehnen überall Menschen an den Wänden. Ich suche Ansprechpartner. Irgendjemand muss sich doch für ein schwer krankes Kind verantwortlich fühlen, ihm ein sauberes Bett anbieten und etwas zu essen. Das erwarte ich von Hamburg, von Deutschland. Doch ich finde keine Verantwortlichen. Niemanden, der dem kleinen Mädchen eine würdige Unterkunft besorgen kann. In dieser Nacht schaffe ich es nicht. Die Familie muss im Spiel-Zelt am Hauptbahnhof bleiben.

Tausende kommen täglich in Hamburg an

Flüchtlinge in der Al-Nour-Moschee: Jede Nacht bis zu 400 Schlafplätze © NDR Foto: Daniel Abdin
In der Al-Nour-Moschee schliefen 2015 jede Nacht bis zu 400 Männer.

"Wir", die bereits lange in Deutschland leben, meinte Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem berühmten Satz vor fünf Jahren, schaffen das: menschenwürdig unterbringen, Anträge stellen, Lebensmittel besorgen. Es ist Herbst 2015 und nicht nur ich schaffe es gerade nicht. Deutschland schafft es nicht - trotz Zehntausender Helfer. In Hamburg steigen jeden Tag Hunderte - wir Ehrenamtlichen schätzen manchmal sogar bis zu 3.000 - Männer, Frauen und Kinder aus den Zügen, die aus Süden kommen. Am Hamburger Hauptbahnhof helfen vor allem Geflüchtete, die bereits vor ein oder zwei Jahren angekommen sind. Sie heißen willkommen, beruhigen, übersetzen, besorgen Ärzte sowie Schlafplätze in Moscheen und Theatern. Ehrenamtliche Alt-Hamburger wie ich sprechen mit Behörden, Bahn oder Polizei. Sie telefonieren stündlich mit Helfern in Lübeck, Rostock, Kiel und Flensburg, um Plätze in Zügen und auf Fähren Richtung Norden, meist Schweden, zu organisieren.

Das "das" ist ein Verwaltungsproblem

Es sind die Monate, in denen Tausende Menschen auf Klappliegen in Hamburgs Messehallen schlafen, Kinder und Frauen im Zelt, im Container mit fremden Männern zusammen leben. Zeiten, in denen die Behörden es nicht schaffen, Namen und Geburtsdaten auf den Dokumenten der Schutzsuchenden korrekt einzutragen. Im niedersächsischen Sumte leben auf einmal sieben Mal so viele Asylsuchende wie Einwohner. Geflüchtete Kinder gehen monatelang nicht zur Schule, jahrelang nicht in die Kita. Sprachkurse sind voll, Jobcenter überfordert. Asylanträge bleiben zeitweise fast ein Jahr unbearbeitet. Tausende Familien teilen sich jahrelang einen Raum, weil sie keine Wohnung finden. Die Krise, das "das" in Merkels Satz im Jahr 2015 (und weit danach) ist ein Verwaltungsproblem. Deutschland hatte versagt, sich vorzubereiten auf das, was sich schon 2013 ankündigte - und kann dann nur noch den humanitären Notstand verwalten.

Fünf Jahre danach: Alles wieder nach Plan

Mittlerweile sind die Container in den öffentlichen Parks längst abgebaut, die Baumärkte geräumt. Die Hälfte der Neuankömmlinge ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die ersten Geflüchteten haben deutsche Pässe in ihrer Tasche. Sie gründen Vereine und Unternehmen, verkaufen uns Brötchen und leiten unsere Apotheken. Wir haben es geschafft, könnte man sagen. Fünf Jahre nach dem berühmten Zitat läuft alles wieder mit Stempeln und Anträgen.

Diejenigen, die es schaffen, sind die Geflüchteten

Doch was nützen die Stempel denen, die es immer noch schaffen müssen? Denn das richtige "wir" in Merkels Satz sind die Geflüchteten. Diejenigen, die sich ein Leben aufbauen. Von Null. Die sich einen Container mit Unbekannten teilten. Deren Bachelor-Zeugnisse und Doktortitel niemanden interessierten. Die für viele nur "ein Flüchtling" waren - und es oft immer noch sind. Sie sind es, die es schaffen müssen: Auf Deutsch leben - mit all der Erschöpfung, die das bedeutet. Die Albträume aushalten, während derer sie im Schlaf schreien, ihre Heimat vermissen; wohl für immer. Ihre Familien, von denen nicht alle die Kämpfe überlebt haben, vor denen sie geflohen sind. Ihre engsten Freunde, die nicht mehr dieselben sind wie vor der Flucht; auf der Welt verstreut, anstatt nebenan. Nour, Nasim, Dania, Sami. Sie hatten ihr Leben, von dem nichts mehr übrig ist - und arbeiten jeden Tag für ein neues.

Corona rüttelt an Erfolgen

Und dann kam auch noch Corona. Die größte Ansteckungsgefahr gibt es in Flüchtlingsunterkünften. Geflüchtete verlieren in der Pandemie am häufigsten ihre Jobs, da sie meist in Leiharbeit oder im Gastgewerbe arbeiten - Homeoffice unmöglich. Sprach- und Integrationskurse finden nicht mehr statt. Die Kinder verlernen ohne Schule und Kita ihr noch frisches Deutsch. Was die Neuankömmlinge, auch oft mit viel Hilfe von Engagierten, bisher geschafft haben, steht auf wackeligem Grund. Der Kampf um ein neues Leben beginnt in der Pandemie für viele erneut.

Seit 2015 haben in Norddeutschland 317.526 Menschen einen sogenannten Erstantrag auf Asyl gestellt. Nicht alle, aber die meisten, sind hier geblieben. Das sind 317.526 neue Leben. Sie sind es, die es immer noch schaffen - jeden Tag aufs Neue.

 

Die Autorin Carolin Fromm berichtet seit Jahren über Geflüchtete. Sie hat 2015 am Hamburger Hauptbahnhof ihren aktuellen Lebenspartner kennengelernt. Er ist 2014 aus Syrien geflohen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 31.08.2020 | 07:08 Uhr

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