Stand: 27.06.2018 21:34 Uhr

"Lifeline": Hilfe aus dem Norden "nicht notwendig"

Nach fast einer Woche auf dem Mittelmeer hat das Rettungsschiff "Lifeline" mit 233 Geflüchteten an Bord in einem Hafen von Malta angelegt. Italien, Spanien und Malta hatten dem Schiff zunächst den Einlauf in ihre Häfen verweigert. In Deutschland erklärte sich Schleswig-Holstein bereit, Menschen von Bord des Rettungschiffes aufzunehmen. In Niedersachsen hingegen offenbaren Spitzenvertreter der Rot-Schwarzen Landesregierung unterschiedliche Auffassungen über eine Aufnahme der Flüchtlinge.

So bot Innenminister Boris Pistorius (SPD) am Mittwoch an, einen nicht näher bezifferten Teil der Flüchtlinge aufzunehmen. "Selbstverständlich hilft Niedersachsen Menschen in Not, gerade in so einem außergewöhnlichen Fall." Niedersachsens CDU-Landeschef Bernd Althusmann zeigte sich dagegen skeptisch - und riet von einer vorschnellen Aufnahme der Flüchtlinge durch die Länder ab.

Seehofer: "Kein Präzedenzfall"

Auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sieht derzeit für Deutschland keine Notwendigkeit zu handeln, wie er im Bundestag erläuterte. Er nannte in Berlin Bedingungen für eine mögliche Aufnahme. Seehofer forderte als Voraussetzung für eine deutsche Beteiligung, das Schiff festzusetzen. "Wir müssen verhindern, dass es zu einem Präzedenzfall wird." Das habe er auch Außenminister Heiko Maas (SPD) gesagt, der sich nun um die Details kümmern werde. Zwischen Libyen und Südeuropa dürfe es kein "Shuttle" geben, sagte Seehofer. Nach Angaben von Mitgliedern des Innenausschusses sagte Seehofer außerdem in der nicht-öffentlichen Ausschusssitzung, die deutsche Crew müsse zur Rechenschaft gezogen werden.

"Lifeline" lädt Seehofer ein

Die Crew der "Lifeline" schrieb daraufhin einen offenen Brief an den Bundesinnenminister und lud ihn dazu ein, an einer Ausfahrt teilzunehmen. "Wir sagen Ihnen offen: Wir erwarten, dass Sie mitkommen." Die Organisation habe sich gegründet, nachdem Tausende Menschen auf dem Mittelmeer gestorben sind. Von einem Shuttle-Service könne keine Rede sein. "Es fühlt sich beschämend an, dass die Bundesregierung durch die Behinderung der Seenotrettung dazu beiträgt, dass mehr Menschen im Mittelmeer sterben."

Bischöfin bittet Politiker um "Nächstenliebe"

Die Bischöfin der Nordkirche, Kirsten Fehrs, appellierte eindringlich an deutsche Politiker, den Menschen einen Platz anzubieten. In einer Hafenstadt wie Hamburg wisse jeder, dass es sich "einfach gehört, Schiffbrüchige aufzunehmen", sagte sie in Berlin vor Bundestagsabgeordneten. Es sei ein Gebot der "Humanität und Nächstenliebe". Auch in ihren Gottesdiensten werde regelmäßig für Schiffbrüchige und die Seenotrettung gesammelt.

Hohe Wellen sorgten für Probleme an Bord

Die "Lifeline", die von dem Dresdner Verein "Mission Lifeline" über Spenden finanziert wird, lag mit 17 Crew-Mitgliedern und 233 Geretteten sechs Tage im Mittelmeer. Probleme bereitete der Crew das Wetter. Die Wellen um das Boot waren zeitweise mehr als einen Meter hoch, was dazu führte, dass viele der 233 Geretteten seekrank geworden seien, sagte Ruben Neugebauer, Pressesprecher des Vereins Sea-Watch, der "Mission Lifeline" bei der Pressearbeit unterstützt.

Malta pochte auf europäische Einigung

Maltas Regierungschef Joseph Muscat gab am Mittwochmittag bekannt, das Schiff einlaufen zu lassen. Zuvor hatte das Land erklärt, seinen Hafen vor Valletta nur zu öffnen, sollten sich mehrere europäische Länder auf eine Aufnahme der Geretteten einigen. Neben Malta haben auch Italien, Frankreich, Portugal und Irland angeboten, Menschen anzunehmen.

Langfristige Lösung nicht in Sicht

Dass sich der Fall der "Lifeline" wiederholt, ist wahrscheinlich. Vor einigen Tagen war bereits der "Aquarius" das Einlaufen in einen italienischen Hafen untersagt worden. "Wir laufen mit der 'Sea-Watch' auch weiterhin aus, wissen aber nicht, wie es weitergeht", so Pressesprecher Neugebauer. Nach Ansicht der Seenotrettungsorganisationen brauche es eine Koalition von Staaten, die dauerhaft eine "kleineuropäische Lösung" für die Verteilung von auf See Geretteten findet.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 27.06.2018 | 12:00 Uhr

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