Stand: 10.11.2017 15:54 Uhr

"Drittes Geschlecht": Fundamentale Entscheidung

von Heribert Prantl, "Süddeutsche Zeitung"

Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen, muss künftig ein alternativer Geschlechtseintrag im Geburtenregister ermöglicht werden. Das hat das Bundesverfassungsgericht beschlossen. Demnach muss der Gesetzgeber bis Ende 2018 eine Neuregelung schaffen, die entweder gänzlich auf Geschlechtseinträge verzichtet oder als drittes Geschlecht noch etwa "inter", "divers" oder eine andere Bezeichnung zulässt.

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Heribert Prantl sieht in der Entscheidung des Verfassungsgerichts einen Höhepunkt an souveräner und seriöser Liberalität.

In Mails und in Briefen an die Redaktionen werden Fragen über Fragen gestellt, seitdem das Bundesverfassungsgericht die Existenz eines "dritten Geschlechts" anerkannt hat. Wenn Intersexuelle Eltern werden - sind sie dann Mutter oder Vater oder etwas anderes? Wie wird es intersexuellen Kindern in der Schule ergehen? Werden Kinder in der Schule gemobbt werden, wenn ihr "drittes Geschlecht" bekannt wird? Wo sollen sie am Sportunterricht teilnehmen? Soll eine eigene Gruppe für sie eingerichtet werden? Und wie ist es mit den Toiletten? Muss es künftig neben den Toiletten für Frauen und Männer eine für Intersexuelle geben?

Daten im Geburtenregister prägen das weitere Leben

All das hat das Bundesverfassungsgericht nicht entschieden. Damit hat es sich gar nicht befasst. Es hat eigentlich nur darüber entschieden, wie ein Formular auszugestalten und auszufüllen ist. Aber dieses Formular hat es in sich, es ist eines der wichtigsten Formulare, das es gibt: das Geburtenregister, geregelt im Personenstandsgesetz.

Nicht der Personalausweis oder der Pass ist ausschlaggebend dafür, welchen Namen ein Mensch hat - entscheidend ist der Name, der dort steht, im Geburtenregister. Und die Daten über eine Person, die dort eingetragen sind, prägen das weitere Leben.

Die Leerstelle verschwindet

Bisher war es in diesem amtlichen Register so, dass entweder "m" für männlich oder "f" für weiblich oder aber - so galt es seit einer Gesetzesänderung zum 1. November 2013 - gar nichts eingetragen wurde. "Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so ist der Personenstandsfall ohne eine solche rechtliche Angabe in das Geburtenregister einzutragen." So lautete der einschlägige Paragraf seit vier Jahren.

Diese Leerstelle genügte nun dem Bundesverfassungsgericht nicht. Es will, dass ein drittes Geschlecht positiv, also ausdrücklich, einzutragen ist mit dem Eintrag "i" für intersexuell oder auch "d" für divers. "Inter" oder "divers" bedeuten: Es handelt sich um Menschen mit nicht eindeutigen körperlichen Geschlechtsmerkmalen; früher hat man von Hermaphroditen oder von Zwittern gesprochen.

"Liebe Leute"

Das ist nicht einfach Registerkram; das ist fundamental. Das ist eine spektakuläre, eine historische Entscheidung. Warum? Die gesamte Rechtsordnung ist bisher auf binäre Geschlechtlichkeit ausgerichtet - Mann und/oder Frau. Das geht hinein bis in die Anrede: "Meine sehr verehrten Damen und Herren" - das ist künftig eigentlich keine ausreichende Begrüßung mehr. Wenn es nun ein drittes Geschlecht gibt, wird man vielleicht "Liebe Leute" sagen oder sich ganz neue Formeln überlegen müssen.

Menschen in ihrer geschlechtlichen Identität ernst nehmen

Ist das alles ein Auswuchs des Genderismus, wie Kritiker meinen? Oder gar ein Angriff auf die Schöpfungsordnung Gottes, wie die Fundamentalisten sagen? Steht nicht in der Bibel, dass Gott die Menschen als Mann oder als Frau erschaffen hat? Aber selbst Fundamentalisten werden nicht leugnen wollen, dass auch der intersexuelle Mensch ein Geschöpf Gottes ist? Wollen sie Gott der Pfuscherei bezichtigen?

Es ist gut, wenn das Gericht einfach das akzeptiert und anerkennt und respektiert, was ist. Es ist gut, wenn es alle Menschen in ihrer geschlechtlichen Identität ernst nimmt. Es ist gut, wenn das Recht die Menschen nicht zu etwas zwingt, was sie nicht sind. Die Würde des Menschen hängt nicht davon ab, dass sie dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können. Das ist der Inhalt der Karlsruher Entscheidung.

Höhepunkt an souveräner und seriöser Liberalität

Sie fügt sich ein in eine lange Reihe von Urteilen, in denen Karlsruhe die Rechte von Minderheiten anerkannt und ausgebaut hat: die Rechte von Strafgefangenen, von Pazifisten, von Homo- und Transsexuellen, von nichtehelichen Kindern, von den Armen in dieser Gesellschaft.

Karlsruhe hat ihre Rechte gestärkt. Aber die Entscheidung zur Intersexualität geht über die Stärkung der Rechte einer kleinen Minderheit hinaus. Das Gericht sagt: Es gehört zur Kernpersönlichkeit der Intersexuellen, dass sie nicht als geschlechtliches Nullum behandelt, sondern in ihrer geschlechtlichen Identität ernst genommen und anerkannt werden. Die Entscheidung des Verfassungsgerichts ist in einer Welt, die zunehmend unduldsamer wird, ein Höhepunkt an souveräner und seriöser Liberalität.

Wegweiser in Richtung Menschenwürde

Man kann nur wünschen, dass die Sensibilität, von der die Entscheidung des höchsten Gerichts getragen ist, ansteckend ist - ansteckend für die Gesellschaft. Vielleicht ist das Gericht dem allgemeinen Bewusstsein ein wenig vorausgeeilt.

Nicht wenige Menschen werden Schwierigkeiten haben mit der richterlichen Anerkennung eines dritten Geschlechts. Aber: Es ist gut, wenn ein Gericht die Wegweiser richtig aufstellt - sie zeigen in Richtung Menschenwürde, sie zeigen in eine gute Zukunft der Aufklärung.

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NDR Info | Kommentare | 12.11.2017 | 09:25 Uhr

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