Stand: 17.08.2018 16:44 Uhr

Aus Ganderkesee zurück nach Syrien

von Maen Gesmati, Tim Kukral und Anna Mundt
Auf gepackten Koffern in Niedersachsen: Familie Natafji verlässt Deutschland wieder.

"Im Innern habe ich Angst. Große Angst", sagt Issam Natafji. Und doch hat er gemeinsam mit seiner Familie entschieden, nach Syrien zurückzukehren. "Es ist eine Reise ins Ungewisse - in ein völlig neues Leben", wie er selbst sagt. Trotz des immer noch andauernden Krieges. Trotz der ungewissen beruflichen Zukunft für ihn selbst. Obwohl seine vier Töchter - das weiß auch Issam Natafji - in Deutschland bessere Chancen auf eine gute Ausbildung hätten.

Gut eingelebt in Ganderkesee

Seit zweieinhalb Jahren lebt die Familie nun in einer kleinen Vier-Zimmer-Wohnung im niedersächsischen Ganderkesee (Landkreis Oldenburg). Die Eltern haben Deutschkurse besucht, Vater Issam Natafji arbeitet als Friseur im nahe gelegenen Delmenhorst. Die Töchter gehen zur Schule. Die beiden jüngeren Mädchen - Rinad, 8 Jahre alt, und Dana, 6 Jahre alt - sprechen mittlerweile akzentfrei Deutsch. Ebenso wie ihre dreizehnjährige Schwester Laian haben sie in kürzester Zeit Freunde gefunden. Die älteste der vier Töchter - Sedra, 16 - ist eine der Besten in ihrer Klasse. Im kommenden Schuljahr könnte sie auf die Realschulzweig ihrer Schule wechseln. "Ich würde ihr eine ganze Menge zutrauen", sagt Sedras Klassenlehrerin Simone Weß. "Ihr stehen hier alle Türen offen, irgendwann das Abitur zu machen, studieren zu gehen."

Zurück zur kranken Großmutter

Während sich die Familie in Deutschland eingelebt hat, ging es der Großmutter zu Hause in Syrien immer schlechter. Die Natafjis mussten sie zurücklassen, als sie Ende 2015 die Flucht in die Türkei wagten, von dort aus mit dem Boot über die Ägäis nach Griechenland übersetzten und dann über die Balkanroute nach Deutschland kamen. Sie hatte einen Herzinfarkt und ihr Blutdruck ist deutlich zu hoch. "Wenn ich höre, was sie für Schmerzen hat, geht es mir schlecht", sagt ihre Tochter Souzan, die Mutter der Familie Natafji. "Wenn ich bei ihr sein könnte, könnte ich mich um sie kümmern."

Doch es gibt kein Gesetz, das ihr erlauben würde, ihre Mutter nach Deutschland nachzuholen. Umgekehrt würde Souzans Aufenthaltserlaubnis in Deutschland erlöschen, wenn sie nach Syrien reisen würde. Die Großmutter dem Schicksal zu überlassen - das ist für die Natafjis undenkbar.

So bleibt ihnen nur die Rückkehr nach Syrien. Dabei war ihr Heimatort Ost-Ghouta bis vor Kurzem noch erbittert umkämpft. Rebellen hatten die Gegend in der Nähe der Hauptstadt Damaskus besetzt, erst im April wurde sie von den Truppen des Assad-Regimes zurückerobert - mit grausamen Mitteln.

Geplünderte Wohnung und keine Arbeit

Issam Natafji hat besonders unter dem Krieg gelitten: Sein Vater starb vor sechs Jahren, erschossen bei einem Überfall durch Milizen. Er selbst wurde zwei Mal entführt, dann wieder freigelassen. Auch jetzt fürchtet sich die Familie vor der Gewalt in Syrien. Dazu kommt die Sorge um die wirtschaftliche Lage. "Alles ist so teuer geworden dort", sagt Issam Natafji. "Die Lebensmittel - alles! Woher soll ich all das Geld bekommen?" Als erstes muss er einen Job finden und wieder ganz von vorne anfangen.

Immerhin: Das Haus, in dem die Natafjis ihre Wohnung haben, steht noch. Die Wohnung selbst wurde allerdings geplündert. "Es ist nichts mehr da", sagt der Vater, Issam Natafji. "Kühlschrank, Waschmaschine, Herd, die Möbel im Schlafzimmer und im Kinderzimmer - alles ist weg." Zwischenzeitlich hatte sich sogar eine andere Familie in der Wohnung niedergelassen, ehe Issam Natafjis Bruder sie fortjagte.

NDR aktuell begleitet Vorbereitungen zur Rückkehr

"Die Entscheidung, zu fliehen, war leichter als die zur Rückkehr", sagt Natafji. Trotzdem wagt die Familie nun den Neuanfang. Am vergangenen Sonntag sind die sechs in Düsseldorf abgeflogen - nach Teheran und von dort aus weiter nach Damaskus.

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