Stand: 03.08.2013 09:06 Uhr  | Archiv

Doppeltes Schwitzen vor Nazi-Aufmarsch

von Angelika Henkel und Stefan Schölermann
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Etwa 1.500 Polizisten sollen nach Bad Nenndorf kommen.

Bad Nenndorf macht wieder mobil: Die Proteste gegen den Neonazi-Aufmarsch haben begonnen. Die Sommerhitze macht das braune Ritual für die Polizei aber noch unberechenbarer. Wenn das Thermometer tatsächlich bis zu 36 Grad im Schatten anzeigen sollte, dann werden vor allem die rund 1.500 Polizisten aus Niedersachsen und anderen Bundesländern ins Schwitzen kommen. Rund zwölf Kilogramm wiegt die Schutzausrüstung, die sie über ihrer Einsatzkluft mit sich herumschleppen. Im Ernstfall tragen die Beamten in praller Sonne auch einen Schutzhelm, der nicht vor sengenden Strahlen schützt - sondern die Hitze speichert.

"Das ist eine kräftemäßige und psychische Belastung, aber das müssen sie aushalten", sagt Uwe Lührig. Er ist der Präsident der Zentralen Polizeidirektion Niedersachsen, die rund ein Drittel der Einsatzkräfte für diesen Großeinsatz in der 15.000-Einwohner-Stadt stellen wird. Es ist der mittlerweile achte in Folge. Seit 2006 kommen die Neonazis zu ihrem sogenannten Trauermarsch nach Bad Nenndorf.

Gericht: Beide Gruppen dürfen zum Wincklerbad

Zwar verfügt die Einsatzleitung der Polizei nach all den Jahren über einen reichen Erfahrungsschatz für Einsätze in Bad Nenndorf. Doch vieles davon ist diesmal Makulatur: Grund dafür ist die Gerichtsentscheidung vom Montag in Hannover. Danach müssen sowohl die Rechtsextremisten als auch ihre Gegner Zugang zum Vorplatz des Wincklerbades erhalten, um dort ihre zentralen Kundgebungen abhalten zu können.

Wincklerbad in Bad Nenndorf

Dreh- und Angelpunkt des rechten Interesses an Bad Nenndorf ist das dortige Wincklerbad. Britische Besatzungssoldaten nutzten das Bad von 1945 bis 1947 als Internierungslager für NS-Schergen und mutmaßliche Kriegsverbrecher. Es kam dort auch zu Misshandlungen ehemaliger Wehrmachtssoldaten. Großbritannien entschuldigte sich dafür später. Nach der Auflösung der Grabstätte des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im oberfränkischen Wunsiedel im Juli 2011 gilt Bad Nenndorf als einer der letzten rechten "Wallfahrtsorte". Mit ihrem "Trauermarsch" wollen die Neonazis an die Opfer des Vorgehens der Alliierten erinnern.

Zunächst sind der deutsche Gewerkschaftsbund und das Bündnis "Bad Nenndorf ist bunt" an der Reihe. Mit zeitlichem Abstand von zwei Stunden dürfen dann die Neonazis aufmarschieren. Eine Situation, die manchen Gegner der Rechtsextremisten auf die Idee bringen könnte, sich nach Abschluss der eigenen Kundgebung auf dem Platz vor dem Wincklerbad niederzulassen und dort zu verharren.

Hitze gefährdet die Faustregel

Eine problematische Situation für die Polizei: Im Ernstfall müsste sie möglicherweise dafür sorgen, dass die Fläche freigeräumt wird. Beamte müssten also friedliche Bad Nenndorfer forttragen, um Neonazis Platz für deren Propaganda-Redner zu verschaffen. Schon faktisch ist das eine enorme Herausforderung. Eine Faustregel aus dem Polizeialltag besagt: In einer Stunde schaffen es zwei Polizeibeamte, drei bis vier "Blockierer" fortzuschaffen - bei tropischen Temperaturen dürfte diese Regel aber kaum einzuhalten sein. Sollten sich viele Menschen dort niederlassen, stünden die Beamten also vor einem Problem. Denn der Aufzug der "Trauermarschierer" ist vom Gericht bis 18 Uhr beschränkt worden.

Ohnehin seien solche Einsätze für seine Kollegen individuell nur schwer zu ertragen, sagt der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Niedersachsen, Dietmar Schilff. Rechtsextremisten forderten schließlich die Wiedererrichtung eines der schlimmsten Unrechtsregime der Geschichte, empört sich der GdP-Chef. Um so mehr sei diesmal Fingerspitzengefühl und Umsicht der Polizeiführung gefordert - auch die Möglichkeit eines "Polizeilichen Notstandes" gehöre dabei zum Prüfungskatalog.

500 Rechtsextremisten erwartet

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Seit 2006 kommen Rechtsextremisten zu ihrem "Trauermarsch" nach Bad Nenndorf.

Was geschieht, wenn es nicht gelingen sollte, den Neonazis den Weg zum symbolträchtigen Platz vor dem Wincklerbad freizumachen und sie möglicherweise stundenlang untätig in der Hitze verharren müssen, ist auch für die Sicherheitsbehörden schwer vorherzusagen. Unter den Teilnehmern des Trauermarsches werden voraussichtlich auch Mitglieder der Neonaziszene aus Nordrhein-Westfahlen zu finden sein. Und die gelten als zumindest "reaktiv äußerst gewaltbereit", wie Niedersachsens Verfassungsschutzpräsidentin Maren Brandenburger bei einem Vortrag in Bad Nenndorf sagte.

Der Nachrichtendienst rechne mit rund 500 Rechtsextremisten. Die Mobilisierungsbereitschaft im rechtsextremen Lager habe in den vergangenen Tagen leicht zugenommen. Grund seien wohl auch das Gerichtsurteil vom vergangenen Montag und die Aussicht für die Rechten, zum Platz vor dem Wincklerbad zu gelangen. Doch das ist noch längst nicht abschließend gesichert. Möglicherweise machen Hitze und Sonne ihnen am Ende doch noch einen Strich durch die Rechnung

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 02.08.2013 | 07:38 Uhr

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