Stand: 04.08.2013 12:26 Uhr  | Archiv

Bad Nenndorf gibt Nazis keine Chance

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Die Neonazis erklärten den "Trauermarsch" am Abend vorzeitig für beendet.

Es sei gelungen, den Neonazis eine herbe Niederlage zu bescheren, sagte Steffen Holz, Sekretär beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Hannover, am Samstagabend. Rechtsextreme hatten ihren sogenannten "Trauermarsch" in Bad Nenndorf gegen 19.15 Uhr vorzeitig für beendet erklärt, weil sie den Platz vor dem Wincklerbad, an dem sie eine Kundgebung abhalten wollten, nicht erreichen konnten. Die Polizei hatte die meisten Gegendemonstranten zwar weggetragen, doch neun Aktivisten hatten sich dort bis zuletzt angekettet und so den geplanten Verlauf der Nazi-Demo verhindert. Der DGB und das Bürgerbündnis "Bad Nenndorf ist bunt" ziehen eine positive Bilanz, obgleich sie zu friedlichen Protesten aufgerufen und keine Blockade geplant hatten.

Blockierer spielen auf Zeit

Rund 1.800 Demonstranten hatten seit dem Morgen weitgehend friedlich demonstriert. Mehrere Hundert bildeten am Nachmittag dann spontan die Sitzblockade vor dem Wincklerbad. Darunter auch viele Bündnis-Mitglieder, die den Platz aber zum Großteil freiwillig verließen, als die Polizei mit der Räumung begann. Zahlreiche Aktivisten verfolgten weiter die Strategie, auf Zeit zu spielen - mit Erfolg: Die Demo der Rechten hätte laut Gerichtsbeschluss in jedem Fall spätestens um 20 Uhr beendet sein müssen. Um den Zug der Neonazis aufzuhalten, hatten sich vier Aktivisten nach dem Vorbild der Castor-Protestaktionen an eine Betonpyramide angekettet. Am Mittag hatten sich zwei Aktivistinnen bereits an eine S-Bahn gekettet, um die Anreise der Neonazis zu verhindern. Nach 90 Minuten hatte die Polizei die beiden jungen Frauen mit Hammer, Säge und Meißel von der S-Bahn getrennt.

Innenminister Pistorius lobt Bad Nenndorfer

Unterstützung bekam der Protest der Bad Nenndorfer in diesem Jahr erstmals auch von Niedersachsens Innenminister, Boris Pistorius (SPD). Nach einem ökumenischen Gottesdienst in der St. Godehardi Kirche erklärte Pistorius bei der Auftakt-Kundgebung, er sei stolz auf die Bad Nenndorfer. "Nicht Bad Nenndorf hat ein Problem mit den Nazis, sondern die Nazis haben ein Problem mit Bad Nenndorf", sagte der Minister.

1.800 Polizisten im Einsatz

Die Einsatzkräfte hatten bereits am Morgen alle Zufahrtsstraßen nach Bad Nenndorf gesperrt. Die Bundespolizei hatte zudem angekündigt, für die Sicherheit der Reisenden an den Bahnhöfen und Haltestellen sowie in den Zügen des Nah- und Fernverkehrs zu sorgen. Die Einsatzkräfte rechneten mit einem erhöhten Reiseaufkommen und dadurch bedingten Beeinträchtigungen. Insgesamt waren rund 1.800 Polizisten aus Niedersachsen und anderen Bundesländern im Einsatz.

"Trauermarsch" seit 2006

Seit 2006 marschieren Neonazis aus ganz Deutschland an einem Augustwochenende in Bad Nenndorf zum Wincklerbad. Dieses wurde in der Nachkriegszeit von den Briten als Verhörzentrum und Militärgefängnis genutzt. Zu den Protesten riefen das Bürgerbündnis "Bad Nenndorf ist bunt", der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und antifaschistische Gruppen auf.

Wincklerbad in Bad Nenndorf

Dreh- und Angelpunkt des rechten Interesses an Bad Nenndorf ist das dortige Wincklerbad. Britische Besatzungssoldaten nutzten das Bad von 1945 bis 1947 als Internierungslager für NS-Schergen und mutmaßliche Kriegsverbrecher. Es kam dort auch zu Misshandlungen ehemaliger Wehrmachtssoldaten. Großbritannien entschuldigte sich dafür später. Nach der Auflösung der Grabstätte des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß im oberfränkischen Wunsiedel im Juli 2011 gilt Bad Nenndorf als einer der letzten rechten "Wallfahrtsorte". Mit ihrem "Trauermarsch" wollen die Neonazis an die Opfer des Vorgehens der Alliierten erinnern.

Dieses Thema im Programm:

Aktuell | 03.08.2013 | 19:30 Uhr

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