Stand: 21.09.2017 17:37 Uhr

Tops und Flops im Online-Wahlkampf

von Sebastian Meineck, NDR Info

Die Parteien haben beim Bundestagswahlkampf stärker auf soziale Medien gesetzt, als je zuvor. Die Grünen planten allein fürs Netz ein Budget von einer Millionen Euro, bei der FDP ist es eine halbe Million Euro. Die Linke rechnet für TV- und Internet-Kampagnen mit 450.000 Euro. Wie viel Union und SPD in digitalen Kampagnen investieren, wollten sie auf Anfrage von NDR Info nicht verraten, ebenso wie die AfD.

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Sturm im Wasserglas: "Gottkanzler" Schulz auf Facebook

Wie haben sich die Parteien im Netz geschlagen? Der erste Meilenstein im Online-Wahlkampf war wohl im Frühjahr der Hype um den sogenannten Schulzzug. Mit Sprüchen wie "Der Schulzzug hat keine Bremsen" haben Spaßvögel im Forum Reddit sowie auf Facebook und Twitter den frisch gekürten SPD-Kanzlerkandidaten in den Himmel gelobt.

So viel interaktive Netzkultur gab es wohl noch nie im Wahlkampf. Die SPD erlebte einen Höhenflug in den Umfragen. Später dann die Ernüchterung: Der Schulz-Hype erwies sich als ein Sturm im Wasserglas. Und als eine verpasste Chance für die SPD, schätzt Politikberater und Blogger Martin Fuchs. "Die SPD hätte den Hype aufnehmen und den Nutzern Tools geben müssen, damit sie ihn spielerisch fortsetzen", sagt Fuchs.

Potenzial nicht genutzt

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So oder ähnlich warb die CSU auf Snapchat um junge Wähler. (Screenshot)

Auch die CSU hat gezeigt, dass es in Sachen Social Media noch Luft nach oben gibt: Auf Snapchat warb sie, wie auch andere Parteien, um die Gunst junger Wähler. Zu sehen gab es oft aber unpersönliche Bilder von Rednerpulten und Menschenmengen, einfallslos beschriftet mit Sätzen wie: "Passau wartet auf die Bundeskanzlerin. Die Passauer Bürger freuen sich über den Besuch." Der vielleicht langweiligste Live-Ticker der Welt.

Das ist typisch für die Social-Media-Auftritte einiger Politiker: Sie sind hölzern wie Wahlkampfschilder. Dabei heißt Social Media auch, Persönliches preiszugeben. Am meisten beherzigt hat das wohl Christian Lindner. "Linder ist wohl der einzige echte Social-Media-Spitzenkandidat dieser Bundestagswahl", lobt Politikberater Fuchs. Als die FDP im Jahr 2013 aus dem Bundestag geflogen war, musste sie andere Wege finden, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Gelöst hat das die Partei mit einem ausgefeilten Social-Media-Wahlkampf, der die Digitalisierung selbst zum Thema machte.

Social Media kapieren

Ein weiterer erfolgreicher Schachzug im Wahlkampf war Martin Fuchs zufolge der kuriose Twitter-Hashtag #fedidwgugl von der CDU. Der Zungenbrecher steht für den Slogan "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" und wurde von vielen Nutzern verspottet. "Im Gedächtnis geblieben ist er trotzdem", betont Fuchs, und darauf komme es an. Wenn Digital Natives eine Wahlkampf-Idee belächeln, könne sie für ältere Generationen gerade richtig sein.

Ein klarer Flop dieses Online-Wahlkampfs waren dagegen Satire-Bilder mit gefälschten Zitaten. So hat beispielsweise die Junge Union einen Tweet von Martin Schulz erfunden, und die Grünen haben spöttisch einen Plaktspruch der FDP umgedichtet. Die Ergebnisse sahen zum Verwechseln echt aus. Was als Satire gemeint ist, kann für den Wähler Desinformation bedeuten. Bewerten lässt sich das als Foul; das Hamburger Landgericht hat den falschen Schulz-Tweet sogar verboten.

Das Netz ist ein Scheinriese

Trotz aller Mühen: Wirklich wichtig nimmt den Online-Wahlkampf nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Bei einer Umfrage zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen hat nur etwa jeder zehnte angegeben, die Online-Aktivitäten von Politikern seien ihm wichtig.  Mehr als die Hälfte der Befragten sagte, für sie spiele das gar keine Rolle.

Viele Kampagnen richten sich deshalb gezielt an junge Wähler und Unentschlossene. Andere Kampagnen buhlen um Likes und Fans, um mit Zahlen zu protzen. Auf Twitter verteilt Die Linke zum Beispiel Videoclips mit Dietmar Bartsch. Doch wohl kaum eine Partei hat so ausdauernd Hashtags in die Twitter-Trends gehievt wie die AfD. Vor der Wahl kursierten die Hashtags #AfDwählen und #TrauDichDeutschland, zum TV-Kanzlerduell war es der Hashtag #Verräterduell.  

Trends wie diese können in die Irre führen. Hochmotivierte Fans und Software-Roboter, sogenannte Social Bots, treiben die Zahlen in die Höhe. Ein repräsentatives Abbild der Gesellschaft sind Trends auf Facebook und Twitter nicht. Das Internet ist ein Scheinriese.

Dass Fans der AfD noch viel größere Ideen für virale Kampagnen hatten, zeigt eine Recherche des Online-Magazins "Buzzfeed"- funktioniert haben die Pläne aber nicht. Viraler Erfolg im Netz lässt sich nicht erzwingen.

Passgenaue Werbung

In Zukunft werden wohl den Daten den Wahlkampf weiter verfeinern. Auf Facebook lassen sich zum Beispiel sogenannte Dark Ads kaufen, die nur bestimmte Nutzer zu sehen bekommen. Problematisch ist dabei, dass sich solche Anzeigen der politischen Debatte entziehen. So hat etwa die CSU eine umstrittene Facebook-Anzeige auf Russisch geschaltet, die nur öffentlich wurde, weil Nutzer davon Screenshots angefertigt haben. Die Grünen verwenden ebenso zielgerichtete Werbung, legen sie aber auf ihrer Website offen.

Auch der klassische Haustürwahlkampf wird digital optimiert. Dafür hat die CDU eine App namens "Connect 17" eingesetzt. Politikberater Martin Fuchs sieht darin ein Modell für die Zukunft. Die App schickt Wahlkämpfer gezielt in Straßenzüge, wo sich am ehesten Wähler gewinnen lassen.

Apps wie "Connect17" zeigen, dass Online- und Offline-Welt miteinander verschmelzen. Fest steht: Wahlwerbung wird künftig noch passgenauer werden, zugeschnitten auf den einzelnen Wähler. Denn die schlechteste Kampagne ist wohl die, die keinen erreicht.

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NDR Info | 22.09.2017 | 10:08 Uhr

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