Stand: 19.07.2019 17:08 Uhr

Wissenschaft und Forschung nicht ökonomisieren!

Die Exzellenzkommission hat unter anderem die Uni Hamburg mit dem Titel "Exzellenz-Universität" ausgezeichnet. Der Exzellenzstrategie für die deutsche Hochschullandschaft schlägt aber immer wieder Kritik entgegen. Denn es durften sich nur Unis bewerben, die schon im Wettbewerb um die sogenannten Exzellenzcluster erfolgreich waren - und damit auch schon Förderungen in Millionenhöhe erhalten.

Ein Kommentar von Beke Schulmann, NDR Info Wissenschaftsredaktion

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Fördergelder müssen nicht in einzelne Spitzen fließen, sondern in die Breite, meint Beke Schulmann.

"Deutsche Unis gehören zur Elite, sie können mit Hochschulen wie Harvard und Oxford schon lange mithalten" - dieses Signal möchte der Wissenschaftsstandort Deutschland mit der Exzellenzstrategie ans Ausland schicken. Dank interdisziplinärer Forschungsprojekte, Graduiertenschulen und internationaler Vernetzung soll neuer Glanz auf die altehrwürdigen, aber zum Teil verstaubten deutschen Unis fallen.

Hintergrund für die 2004 ins Leben gerufene Initiative war die große Zahl an jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten verlassen haben. Dieser "Brain Drain" soll gestoppt werden - zum Beispiel, indem die deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen für den internationalen Wettbewerb fit gemacht werden. Denn exzellente Köpfe, so die Schlussfolgerung, brauchen nun einmal exzellente Unis.

Wettbewerb der Wissensproduktion

Also sind die deutschen Hochschulen in einen Wettbewerb der Wissensproduktion gestartet. Befürworter dieser Strategie sprechen von modernen und marktgerechten Unis. Ökonomisierung nennen es die Kritiker. Hochschulen als strategische Unternehmen also, ausgerichtet auf den Gewinn von Fördergeldern.

Im Vordergrund stehen seitdem mehr denn je Publikationen in internationalen Fachzeitschriften, die Position in einem der zahlreichen Hochschul-Rankings und die Drittmittel-Akquise. Erkenntnisgewinn scheint nicht mehr das oberste Ziel von Wissenschaft und Forschung zu sein. Denn gefördert wird diejenige Forschung, die schnell harte Fakten schafft, die zum Beispiel auch für die Wirtschaft interessant sind. Sehr zum Leidwesen etwa der qualitativen Sozialforschung, die seit Jahren immer mehr zurückgefahren wird. Wissenschaftliche Fragestellungen und Themen jenseits des Mainstreams bleiben im Kampf um die begehrten und existenziellen Drittmittel auf der Strecke.

Mehrheit der Hochschulen nagt am Hungertuch

Gleichzeitig wird es für kleinere Forschungsinstitutionen immer schwieriger, an Gelder zu kommen. Die Kluft zwischen armen und reichen Hochschulstandorten wird größer. Es entsteht ein Zwei-Klassen-Hochschulsystem. Wer hat, dem wird gegeben. Einzelne Forschungs-"Leuchttürme" profitieren und die Mehrheit der Hochschulen nagt am Hungertuch.

Außerdem: Wenn Professorinnen und wissenschaftliche Mitarbeiter immer mehr Zeit und Energie in die Arbeit an Förderanträgen stecken müssen, bleibt die Lehre oft auf der Strecke. Kaum hat die aktuelle Forschung begonnen, schon müssen die Anträge für die nächste befristete Förderung gestellt werden.

Abtauchen in Dschungel aus Rankings und Anträgen

Ist das Geld da, ziehen sich Professorinnen und Professoren oft semesterweise ganz in die Forschung zurück, denn die Förderung ist nur auf die Forschung und nicht auf die Lehre ausgelegt. Und die Lehre müssen dann wissenschaftliche Mitarbeiter übernehmen, meist kann der Lehrbedarf dennoch nicht abgedeckt werden. Die einen also verlassen Deutschland, die anderen tauchen ab in einem Dschungel aus Rankings und Anträgen.

Die Hochschulen brauchen nicht mehr Wettbewerb untereinander, mehr Konkurrenz um Drittmittel und mehr Druck für das Personal. Fördergelder müssen nicht in einzelne Spitzen fließen, sondern in die Breite. Die unabhängige Wissenschaft und Forschung darf nicht ökonomisiert werden.

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