Stand: 20.11.2018 10:37 Uhr

Wenn Funklöcher Landwirte ausbremsen

von Marie Löwenstein, NDR Info

Selbstfahrende Traktoren, Melk-Roboter und Drohnen: Auch in der Landwirtschaft ist die Digitalisierung auf dem Vormarsch. Viele Techniken könnten Ackerbau und Viehhaltung deutlich effizienter und umweltfreundlicher machen. Aber ohne ordentliches Mobilfunknetz funktioniert das nicht.

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Landwirt Richard Bonse wünscht sich für seine Arbeit ein besseres Mobilfunknetz.

Wenn bei Richard Bonse das Handy klingelt, muss er lossprinten. Denn richtig mobil telefonieren kann der Landwirt nur an einer Stelle im Haus. "Ich nenne das meinen Telefonstuhl, weil das der einzige Ort im Haus ist, wo ich Empfang habe", sagt Bonse.

Kein Handy-Empfang auf dem Acker

Das Netz auf Bonses Hof - keine 20 Minuten außerhalb von Kiel - ist miserabel. Im Arbeitsalltag ist das ein ständiges Ärgernis. Zum Beispiel, wenn mitten in der Ernte eine Maschine kaputtgeht, der betroffene Mitarbeiter auf dem Feld aber nicht erreichbar ist. "Wenn ich ihn dann endlich ans Telefon bekommen habe, kann der Mitarbeiter mir oft auch gar nicht genau beschreiben, welche Problematik vorherrscht, weil er erstmal 250 Meter gelaufen ist, um Empfang zu haben, und er dann das Problem nicht mehr vor Augen hat", schildert Bonsen.

Die neue Technik könnte vieles vereinfachen

Die meisten digitalen Neuerungen kann Bonse so nicht nutzen. Seien es Trecker, die - ausgerichtet am Mobilfunk-Signal - das Feld zentimetergenau abfahren und große Mengen Sprit einsparen könnten. Oder Drohnen, die Felder fotografieren und Bilder direkt zur Analyse an Rechenzentren senden könnten, um genaue Dünge-Karten zu erstellen. In Deutschland funktioniere vieles davon schlecht oder gar nicht, sagt Hubertus Paetow, Präsident der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft DLG. "Zum Datenaustausch gehört natürlich eine Infrastruktur. Das Problem ist, dass wir diese Infrastruktur noch nicht haben."

Das GPS-Signal ist zu ungenau

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Landwirt Philipp Staritz weiß aus eigener Erfahrung, dass ein schlechtes Mobilfunknetz Probleme macht.

Diese Erfahrung hat auch Philipp Staritz gemacht. Er arbeitet für den Agrar-Dienstleister Blunk. Rund 600 Maschinen nebst Personal verleiht das Lohnunternehmen an Landwirte im Norden. Alle Traktoren sind mittlerweile mit Hightech ausgestattet, die Arbeit wird genau dokumentiert. Autonom fahren können die Trecker auch. Nur: Wenn das Mobilfunknetz schlecht ist, muss der Trecker ein GPS-Signal nutzen. Weil das viel ungenauer ist als Mobilfunk, kommt es dann zu Extra-Touren auf dem Acker. Das wiederum kostet Sprit.

"Das können andere Länder viel besser"

Auch einen Tablet-Computer hat jeder Trecker an Bord. Wenn zur Ernte bis zu 400 Blunk-Mitarbeiter im ganzen Norden unterwegs sind, können sie darüber koordiniert werden und aktuelle Informationen zum jeweiligen Feld erhalten. Das spart Zeit: aber nur, wenn das Netz stimmt. Im Baltikum, wo Blunk auch tätig ist, ist das kein Problem. "In Estland kannst du sogar durch den Wald fahren und alles haut hin", weiß Staritz. "Und hierzulande fährst du 500 Meter und dann geht gar nichts mehr. Großen Glückwunsch an die großen Mobilfunk-Anbieter! Das können andere Länder viel besser als wir."

"Per Mobilfunk funktioniert das eh nicht"

Die deutsche Landwirtschaft droht abgehängt zu werden - und zwar schon bei der Technik-Entwicklung. DLG-Präsident Paetow erzählt von einem Gespräch mit Bosch-Ingenieuren, die einen Unkrautbekämpfungs-Roboter entwickeln. Selbstlernend sei der. Upgedated werden müsse er aber am Internet-Anschluss zu Hause: "Auf meine Frage, warum, das nicht per Mobilfunk passiert, sagten die Ingenieure, das hätten sie gar nicht entwickelt, weil davon auszugehen ist, dass das in Deutschland in der Fläche ohnehin nicht funktioniert. Und das ist natürlich schon bedenklich."

Der Staat sei gefragt

Paetow fordert ein Umdenken. Die digitale Infrastruktur sei eine staatliche Aufgabe. "Das kann man nicht einer privaten Wirtschaftsstruktur überlassen. An der Entwicklung des Mobilfunks in den letzten 20 Jahren in Deutschland sehen wir deutlich: Das funktioniert nicht."

Anfang nächsten Jahres werden die Frequenzen für 5G, den Mobilfunk der nächsten Generation, versteigert. Die Bauern sind aber nicht optimistisch, dass sich dadurch etwas verbessert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 20.11.2018 | 06:50 Uhr

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