Stand: 15.08.2019 16:50 Uhr

Unser Mobilitätsrausch braucht mehr Rücksichtnahme

Rücksichtslose Verkehrssünder müssen sich auf härtere Strafen gefasst machen. Das sehen Pläne für eine Reform der Straßenverkehrsordnung vor, die Minister Andreas Scheuer (CSU) am Donnerstag vorgestellt hat. Ein paar Beispiele: Für unerlaubtes Fahren durch eine Rettungsgasse sollen künftig bis zu 320 Euro Bußgeld und ein Monat Fahrverbot drohen. Wer unerlaubt in zweiter Reihe parkt oder auf Geh- und Radwegen, soll statt 15 Euro künftig bis zu 100 Euro zahlen. Busspuren sollen auch von Autos, in denen mindestens drei Menschen sitzen, und von E-Rollern genutzt werden können.

Ein Kommentar von Ferdinand Klien, NDR Info

Bild vergrößern
Erst eine echte Verkehrswende bringe mehr Sicherheit im Verkehrsalltag, meint Ferdinand Klien.

Der neue Bußgeldkatalog, den das Verkehrsministerium vorgelegt hat, ist zu begrüßen, auch wenn er sehr spät kommt. Leider werden in Deutschland angesichts zunehmender Mobilität immer häufiger selbst einfachste Grundregeln wie Tempolimit oder Überholverbot missachtet. So gab es 2018 2,6 Millionen Verkehrsunfälle, 396.000 Personen wurden dabei verletzt, 3.275 Menschen starben.

Vom Autofahrer, der nicht am Zebrastreifen hält

Überspitzt könnte man folgern, Rot sei das neue Grün. Egal wo ich gerade unterwegs bin: Der Radfahrer saust bei Rot über die Ampel, der Pkw hält nicht vor dem Zebrastreifen, Bahnhofshallen und Bahnsteige sind die neuesten Rennpisten für E-Roller. Das Falschparken auf Rad- und Gehwegen oder an Kreuzungen, wo Radfahrer dann tödlich verunglücken können. Auf Autobahnen keine Rettungsgassen zu bilden, hat ebenso mit einer zunehmenden Verwahrlosung zu tun wie die Gaffer, die an Unfallstellen vorbeischleichen, mit dem Smartphone Opfer filmen und damit weitere Staus und Unfälle auslösen.

Und wer ahndet die Vergehen?

Ganz anders ist es mit dem Parken von Lieferfahrzeugen in der zweiten Reihe: Hier rächen sich die Millionen von Online-Bestellungen, für deren Auslieferungen es in den Städten einfach nicht genügend Platz gibt. Bußgeld hin oder her. Und ob die Rad- und E-Rollerfahrer zum Beispiel durch die Nutzung der Busspuren oder durch mehr Abstand beim Überholen besser geschützt sind, bleibt fraglich. Denn schon jetzt halten sich zu wenig Autofahrer an diese Abstandsregel. Für schwächere Verkehrsteilnehmer gibt es zudem keine Helmpflicht, die etwa schwere Kopfverletzungen verhindern würde.

tagesschau.de
Link

Autofahrern drohen höhere Bußgelder

Parken auf Geh- und Radwegen soll für Autofahrer künftig teurer werden. Auch bei Rettungsgassen sieht die Reform der Straßenverkehrsordnung Neuerungen vor. Mehr bei tagesschau.de. extern

Können die bald fälligen höheren Geldbußen zu mehr Rücksichtnahme beitragen?  Vielleicht, doch dazu müssten Ordnungsämter und Polizei zunächst mehr Personal einstellen, um Vergehen häufiger und im Extremfall auch mit dem Einzug des Verkehrsmittels zu ahnden. Die  Mehreinnahmen würden dann auch die Personalkosten decken.

Mehr Sicherheit durch Verkehrswende

Doch die Grundprobleme bleiben:  Der stets zunehmende Verkehr und die Enge in der über Jahrzehnte geplanten autogerechten Stadt. Kreuzungsfreie Radwege und breite, sichere Fußwege sind  daher nicht schnell zu verwirklichen. Erst eine echte Verkehrswende, die das Auto zurückdrängt, brächte mehr Sicherheit im Alltag - profitieren würde dann auch das Klima.

Es bleibt also spannend, welche konkreten Vorschläge das Klimakabinett im Herbst für diesen Bereich vorlegt. Bis dahin tut vor allem Aufklärung Not: eine Kampagne im Internet oder in den Medien wie einst "Der 7. Sinn" und mehr Verkehrsunterricht nicht nur in den Grundschulen. Unser Mobilitätsrausch braucht dringend mehr Rücksichtnahme.

Weitere Informationen
N-JOY

Handy am Steuer: Was ist erlaubt, was nicht?

N-JOY

Während der Fahrt mit dem Handy zu hantieren, kann lebensgefährlich sein - und teuer werden. Die wichtigsten Gesetze, Urteile und Strafen im Überblick. mehr

NDR Info

Die NDR Info Kommentare

NDR Info

Redakteure und Korrespondenten äußern auf NDR Info regelmäßig ihre Meinung zu aktuellen Themen und Sachverhalten. Stimmen Sie zu? Sind Sie anderer Meinung? Schreiben Sie uns! mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 15.08.2019 | 17:08 Uhr

Mehr Nachrichten

03:57
Hallo Niedersachsen
02:17
Hallo Niedersachsen
04:36
Hamburg Journal