Stand: 14.08.2019 16:10 Uhr

"Streit über Lebensmittel-Ampel ist eine Posse"

In der Debatte um klarere Kennzeichnungen von Zucker, Fett und Salz in Lebensmitteln hat das farbliche Logo Nutri-Score in einer Umfrage hohe Zustimmungswerte erhalten. Als "schnell erfassbar" bewerteten es 87 Prozent, wie die am Mittwoch vorgestellte Befragung im Auftrag mehrerer Medizinverbände und der Verbraucherorganisation Foodwatch ergab. Die Verbände forderten Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) auf, keine Zeit mehr zu verlieren und Nutri-Score schnellstmöglich einzuführen.

Ein Kommentar von Verena Gonsch, NDR Info

Bild vergrößern
Ein Logo allein werde uns nicht zu einer schlanken Gesellschaft machen, meint Verena Gonsch.

Welches Nährwert-Logo hätten Sie denn gerne? Der Streit um ein Ampelsystem artet wirklich zu einer Posse aus. In Frankreich und Belgien gibt es schon längst mit Nutri-Score ein etabliertes Emblem.  Für den globalisierten Lebensmittelmarkt in Europa wäre es natürlich am einfachsten, es zu übernehmen. Aber Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) will erst im Oktober eine Entscheidung treffen. Und hat im letzten Jahr ein zusätzliches Logo von einer Bundesbehörde entwickeln zu lassen. Kein Wunder, dass Verbraucherschutz- und Gesundheitsverbände ihr jetzt zögerliches und industriefreundliches Verhalten vorwerfen. Denn Klöckner will das Logo nicht verpflichtend anordnen, sondern nur eine Empfehlung aussprechen. Und die Verbände konnten heute ihre Schadenfreude nicht verhehlen, weil der von ihnen favorisierte Nutri-Score in den Umfragen klar als Gewinner hervorgeht.

Jeder zweite Mann ist übergewichtig

Bild vergrößern
Bei Nutri-Score liefert eine mehrfarbige Skala einen Überblick über die Nährwert-Qualität eines Produktes.

Ob Ampel, Torte, Wabe oder Schlüsselloch - ich glaube, am Ende des Tages ist es egal, wie das Logo aussieht. Wichtig ist die Botschaft: Fett- und zuckerhaltige Lebensmittel schaden. Denn, wie es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung treffend formuliert: "So dick war Deutschland noch nie." Jeder zweite Mann und jede dritte Frau ist ganz klar übergewichtig. Dick sein ist in Deutschland mittlerweile keine Ausnahme mehr, sondern der Normalzustand. Und das wirkt sich natürlich auf die Gesundheit aus.

Zu viel Essen und zu wenig Bewegung führen bei vielen Menschen zu Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und Gelenkbeschwerden. Die einzig gute Nachricht ist, dass das Übergewicht bei Kindern leicht rückläufig ist. All die Präventionsmaßnahmen, die es in den letzten Jahren gegeben hat, scheinen also zu greifen. Ein wichtiger Grund mehr für ein Ampelsystem bei den Lebensmitteln.

Werbeverbot für Kalorienbomben!

Doch machen wir uns nichts vor: Das Logo allein wird uns nicht zu einer schlanken Gesellschaft machen. Dafür braucht es sehr viel mehr. Zuckerfreie Getränke für Babys und Kinder, ein Werbeverbot für Kalorienbomben und Informationen über bessere Ernährung.  Julia Klöckner macht in der ganzen Angelegenheit eine mehr als schlechte Figur. Natürlich will sie den Bürgern nicht den Appetit verderben. Trotzdem: Die Kampagne gegen das Rauchen hat in den letzten zehn Jahren gezeigt,  was man erreichen kann. Die Anzahl der Raucherinnen und Raucher sinkt seitdem kontinuierlich. Ein positives Beispiel, dass auch beim Werben für gesündere Ernährung Schule machen könnte.

Weitere Informationen
05:02
Visite

Krank durch Essen: Nährwert-Ampel gefordert

Visite

Durch Lebensmittel mit viel Salz, Zucker und Fett werden viele Menschen in Deutschland krank. Experten fordern unter anderem eine bessere Kennzeichnung ungesunder Produkte. Video (05:02 min)

NDR Info

Die NDR Info Kommentare

NDR Info

Redakteure und Korrespondenten äußern auf NDR Info regelmäßig ihre Meinung zu aktuellen Themen und Sachverhalten. Stimmen Sie zu? Sind Sie anderer Meinung? Schreiben Sie uns! mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 14.08.2019 | 17:08 Uhr

Mehr Nachrichten

00:42
Schleswig-Holstein Magazin
01:45
Hallo Niedersachsen
02:34
Hamburg Journal