Stand: 01.08.2019 17:00 Uhr

So viel verdienen Ärzte mit Kontrastmitteln

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Radiologen können mit Kontrastmitteln in einigen Ländern zusätzliche Gewinne machen.

Jeder dritte Patient, der eine CT- oder MRT-Untersuchung (Computertomographie bzw. Magnetresonanztomographie) machen lässt, bekommt ein Kontrastmittel verabreicht. Diese Präparate sorgen dafür, dass die Bilder in den Untersuchungsgeräten besser sichtbar sind, der Arzt also die Diagnose genauer stellen kann. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) haben im Jahr 2018 allein in Hamburg etwa 130.000 Patienten ein MRT-Kontrastmittel erhalten. Die KV hat den Ärzten für den Kontrastmittelverbrauch jeweils 75 Euro zusätzlich überwiesen. Mit dieser Pauschale, so die Idee, sollen dem Arzt die Kosten für den Einkauf der Präparate erstattet werden.

Einkaufspreis deutlich günstiger als Erstattung

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Angebote und Rechnungen zeigen, wie günstig die Mittel gehandelt werden.

Dutzende Rechnungsunterlagen, die NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" vorliegen, zeigen jedoch, dass die Radiologen die Kontrastmittel sehr viel günstiger von den Pharmaunternehmen bezogen haben. So hat eine große Radiologie-Praxis zwischen Dezember 2016 und September 2017 mehrfach das MRT-Kontrastmittel Dotagraf von Jenapharma über einen Händler jeweils zum Preis zwischen 85 Cent und einem Euro pro Milliliter bezogen.

Mehr als 50 Euro Gewinn pro Patient

Pro Patient braucht ein Radiologe im Schnitt rund 18 Milliliter MRT-Kontrastmittel. Das heißt, die Ausgaben der Hamburger Praxis fürs Kontrastmittel lagen bei schätzungsweise 18 Euro pro Patient, von der Kasse hat er aber 75 Euro erstattet bekommen. Macht einen Gewinn von mehr als 50 Euro pro Patient. Jenapharm teilte auf Anfrage mit, zu Geschäftsbeziehungen Dritter grundsätzlich keine Stellung zu nehmen.

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Zehntausende Euro Zusatz-Verdienst

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung gibt es in Hamburg 117 niedergelassene Radiologen. Mit den Einkaufspreisen von Dotagraf konnte umgerechnet jeder Hamburger Radiologe durchschnittlich mehr als 60.000 Euro im Jahr durch Kontrastmittel verdienen - zusätzlich zum ärztlichen Honorar für die MRT-Untersuchung.

Pauschal-Vereinbarung in fünf Ländern

Auch in Niedersachsen hatten verschiedene Radiologen nach den vorliegenden Rechnungen Dotagraf zwischen November 2016 und September 2017 zum Preis zwischen 80 und 99 Cent pro Milliliter bezogen. Dort liegt die Pauschale, die die Ärzte abrechnen, bei gut 73 Euro. Die Gewinnspanne ist also ähnlich hoch. Vergleichbare Regelungen gibt es noch in drei weiteren Bundesländern: in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Bremen.

Mögliche Nebenwirkungen

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Röntgenaufnahmen mit Kontrastmitteln können Nebenwirkungen verursachen.

Dabei sind Kontrastmittel keine harmlosen Mittel. Sie enthalten den Giftstoff Gadolinium, der im Verdacht steht, vor allem bei nierenkranken Patienten schwere Nebenwirkungen verursachen zu können. Ärzte sollten deshalb zurückhaltend sein bei der Verwendung von Kontrastmitteln und sie nur dann einsetzen, wenn sie wirklich notwendig sind, rät der Karlsruher Radiologe Henrik Michaely, der im Auftrag der Deutschen Röntgengesellschaft die Nebenwirkungen beobachtet. Vor diesem Hintergrund hält es Michaely auch für "komplett falsch", dass seine Kollegen in Hamburg und Niedersachsen an Kontrastmitteln verdienen können und somit ein Anreiz besteht, mehr einzusetzen als nötig.

Verstoß gegen Berufsordnung?

Dass dieser Verdacht nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt eine interne, bisher unveröffentlichte Auswertung von 28 radiologischen Praxen des "Radiologienetzes Deutschland", nach eigenen Angaben ein Zusammenschluss von 360 Radiologen in Deutschland, hinter dem ein Dienstleister für die Ärzte steckt.

Demnach brauchen die Praxen in jenen Bundesländern, die nach Pauschalen abrechnen, 26 Liter Kontrastmittel pro MRT-Gerät im Jahr, im Rest der Republik aber nur 13 Liter. Ähnlich verhält es sich bei CT-Kontrastmitteln. "Sobald ich als Arzt Geld verdienen kann mit dem Handel von Kontrastmitteln, sehe ich das eigentlich auch als Verstoß gegen die Berufsordnung von uns Ärzten", sagt Radiologe Michaely aus Baden-Württemberg, einem Bundesland, in dem Radiologen nicht erlaubt ist, nach Pauschalen abzurechnen.

Ex-BGH-Richter beurteilt Pauschalen als "strafwürdig"

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Ex-BGH-Richter Fischer kritisiert die Pauschal-Vereinbarungen.

Nicht nur die Berufsordnung verbietet eigentlich, dass Ärzte an der Verordnung von Medikamenten verdienen, sondern auch das Strafrecht. Der 2016 neu geschaffene Paragraf 299a Strafgesetzbuch verbietet es Ärzten ebenfalls, "einen Vorteil … bei der Verordnung von Arzneimitteln" anzunehmen. Deshalb hält auch Thomas Fischer, ehemals Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof, die Pauschalen der Radiologen für "strafwürdig". Denn diese Konstruktion unterlaufe die Absicht des Gesetzgebers, "dass Ärzte, die sich eigentlich mit der Entlohnung ihrer ärztlichen Tätigkeit zufrieden geben könnten, durch die Entscheidung für ein bestimmtes Kontrastmittel irgendwelche Vorteile erlangen".

Ministerium sieht Kassen in der Verantwortung

Fischer fordert im Gespräch mit NDR, WDR und SZ deshalb die Krankenkassen auf, dieses Modell zu beenden. Der Gesetzgeber solle dafür zu sorgen, dass diese Zusatzgewinne verboten werden. Auf Anfrage von NDR, WDR und SZ teilte das Bundesgesundheitsministerium mit, dass es die Verantwortung bei den Krankenkassen sehe. Sie müssten sich auch bei den Vereinbarungen über Kontrastmittel an das Wirtschaftlichkeitsgebot halten. "Bei Verstößen können die Aufsichtsbehörden der Krankenkassen einschreiten”, diese müssten die "Einhaltung des Wirtschaftlichkeitsgebots im Einzelfall prüfen”.

Die AOK Rheinland/Hamburg teilte schriftlich mit, die Kalkulation für die Pauschale unterliege "Betriebs- und Geschäftsgeheimissen”. Die AOK Niedersachsen schrieb allgemein, die Erfahrungen mit der Umsetzung des Pauschalmodells seien positiv. Ein Interview lehnten beide Kasse ab.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama | 01.08.2019 | 21:45 Uhr

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