Stand: 21.05.2019 16:24 Uhr

Pro und Kontra: Ist Briefwahl eine gute Sache?

Ausgerechnet der Bundeswahlleiter ärgert sich über einen Trend, der zu einer höheren Wahlbeteiligung führen kann: Immer mehr Wählerinnen und Wähler entscheiden sich für die Briefwahl, statt am Wahltag ins Wahlbüro zu gehen. Eigentlich ist die Briefwahl für kranke oder am Wahltag verhinderte Wahlberechtigte vorgesehen. Wenn nun 30 Prozent oder in manchen Gegenden sogar fast die Hälfte der Wählerinnen und Wähler ihre Stimme zu Hause abgeben, dann gehe die allgemeine und geheime Wahl verloren, so die Warnung des Bundeswahlleiters.

Ist Briefwahl eine gute Sache? Christopher Jähnert und Frank Aischmann aus dem ARD-Hauptstadtstudio in Berlin haben unterschiedliche Ansichten. Wie ist Ihre Meinung? Schreiben Sie uns - unten auf dieser Seite.

Pro

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Wir müssen das Wählen gehen so einfach machen wie möglich, meint Christopher Jähnert.

"Das Wichtigste ist, dass viele mitmachen", meint Christopher Jähnert.

Nach jeder Wahl beschweren wir uns darüber, dass die Wahlbeteiligung zu niedrig war. Bei der letzten Europawahl waren es in Deutschland nicht einmal 50 Prozent. Das zeigt: Für viele hat Wählen gehen keine große Priorität mehr. Fein anziehen und sonntags gemeinsam mit der Familie ins Wahllokal gehen - das war einmal. Wählen muss sich offenbar einreihen zwischen vielen anderen Sonntagsbeschäftigungen.

Die Zahl der Briefwähler nimmt dagegen immer weiter zu. Und warum? Weil es einfach bequemer ist. Man kann es im Grunde tun, wann man will. Ganz offensichtlich spricht das Angebot auch viele an. Und dann reden wir ernsthaft darüber, ob Briefwahl in Ordnung ist oder nicht? Ich glaube, wir müssen das Wählen gehen so einfach machen wie möglich, damit hinterher keine Ausreden mehr kommen wie "Das Wetter war zu schlecht" oder "Keine Zeit gehabt".

Und mal ehrlich: Ist es wirklich so tragisch, wenn man zwei Wochen vor dem eigentlichen Wahltermin seine Stimme abgibt und der Wahlkampf-Endspurt dann eben keinen Einfluss mehr hat? Ich finde: Nein! Und natürlich kann bei der Briefwahl theoretisch jemand daneben stehen und einen beeinflussen. Ob das wirklich passiert, wissen wir nicht. Aber was wir wissen: Das Wichtigste an der Demokratie ist, dass viele mitmachen. Und die Briefwahl hilft dabei.

Ein Mann wirft für die Briefwahl zur Europawahl am 26. Mai 2019 seinen Wahlbrief in eine Wahlurne ein. © dpa-Bildfunk Foto: Christophe Gateau/dpa

Marschall sieht Probleme mit der Briefwahl

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Für den Politikwissenschaftler Stefan Marschall bringt die Briefwahl einige Probleme mit sich. Es gehe auch ein Gemeinschaftsgefühl verloren, sagte er auf NDR Info.

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Kontra

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In Deutschland müsse wirklich jeder frei, geheim und gleich abstimmen, meint Frank Aischmann.

"Wahltag ist Wahltag", meint Frank Aischmann.

Klar, Briefwahl ist eine gute Sache. Für alle, die am Wahlsonntag nicht abstimmen können - wegen Urlaub, Krankheit, Behinderung, Dienstreise. Aber: Briefwahl ist als Ausnahme gedacht. Auch wenn es bequemer ist, in Ruhe zu Hause abzustimmen. Bisheriger Briefwahl-Rekord: Fast 50 Prozent bei der letzten Bundestagswahl in einem bayerischen Wahlkreis.

Und das ist kritisch. Denn einerseits stimmen wir geheim ab. Allein in der Wahlkabine, keiner kann Einfluss nehmen, Tipps geben, manipulieren, gar stellvertretend das Kreuz machen. Wer will das bei den Briefwählern kontrollieren? Da müssen Vertrauen und die schriftliche Zusicherung reichen.

Zweites Stichwort: gleiche Wahl. Wer schon vor zwei Wochen seinen Wahlschein abgeschickt hat, dem entgehen der Wahlkampfendspurt und andere, noch gar nicht absehbare Gründe, sich vielleicht doch noch einmal umzuentscheiden.

Wie gesagt: Wahltag ist Wahltag. Klingt langweilig, aber wichtiger noch als eine höhere Wahlbeteiligung durch das niedrigschwellige "zu Hause abstimmen" ist das Grundvertrauen, dass in Deutschland wirklich jeder frei, geheim und gleich abgestimmt hat.

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NDR Info | Kommentar | 21.05.2019 | 17:08 Uhr

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