Stand: 16.10.2018 12:54 Uhr

Ostsee-Fangquoten: Weniger Hering, mehr Dorsch

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2019 dürfen in der westlichen Ostsee rund 4.600 Tonnen Hering gefischt werden.

Deutsche Fischer dürfen im kommenden Jahr deutlich weniger Hering aus der westlichen Ostsee ziehen als noch 2018. Die erlaubte Fangmenge wird um 48 Prozent reduziert, wie die EU-Staaten am Montag nach einem Treffen der EU-Fischereiminister in Luxemburg mitteilten. Die Fangquote für den für Deutschland ebenfalls wichtigen Dorsch in der westlichen Ostsee wird hingegen um 70 Prozent angehoben. Die zuständige österreichische Agrarministerin Elisabeth Köstinger sprach von einem "guten und ausgewogenen Kompromiss" und einer "vernünftigen Lösung", die dem wirtschaftlichen Überleben der Fischer der Region gerecht werde und zugleich den Fischbestand schütze.

Mit ihrer Entscheidung bleiben die EU-Staaten beim Hering hinter dem von der EU-Kommission vorgeschlagenen Minus von 63 Prozent zurück. Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) hatte sich im Mai sogar dafür ausgesprochen, die Heringsfischerei in der westlichen Ostsee zunächst auszusetzen, damit der Bestand sich erholen kann. Auch beim Dorsch erlauben die EU-Minister mehr Fang als empfohlen. Die Brüsseler Behörde hatte ein Plus von 31 Prozent vorgeschlagen.

Die Einigung bedeutet, dass im kommenden Jahr rund 4.600 Tonnen Hering in der westlichen Ostsee gefischt werden dürfen. Beim Dorsch sind es rund 2.000 Tonnen.

Quote für Scholle und Sprotte erhöht

Die Minister beschlossen außerdem, dass 2019 mehr Scholle (43 Prozent) und mehr Sprotte (drei Prozent) gefangen werden dürfen. Beim östlichen Dorsch verständigten sie sich darauf, die erlaubte Fangmenge um 15 Prozent zu reduzieren, beim Hering in der zentralen Ostsee um 26 Prozent.

Fischereiverband reagiert enttäuscht

Der Deutsche Fischereiverband reagierte mit Enttäuschung. "Mit einer Reduzierung der Quote für den Hering haben wir gerechnet, aber für die Fischer ist das existenzbedrohend, sollte es keine Beihilfe geben", sagte Sprecher Claus Ubl. Auch die Fangquote für den Dorsch hält er für zu niedrig: "Das ist nicht so hoch wie erhofft."

Nach Einschätzung des deutschen Kutterverbandes haben sich die Fischbestände in der Ostsee in den vergangenen Jahren durch die nachhaltige Bewirtschaftung verbessert. Der Vorsitzende Dirk Sander sagte: "Wir stehen ganz klar zum Prinzip der Nachhaltigkeit bei der Bestandsbewirtschaftung. Aber die Fischereibetriebe und die Küstengemeinden dürfen dabei nicht auf der Strecke bleiben. Nachhaltigkeit bedeutet auch wirtschaftliche Stabilität, und ohne Fischer bekommt der Verbraucher keinen Fisch."

Kritik von Umweltschützern

Umweltschützer hatten dagegen einen vorläufigen Fischereistopp für den stark zurückgegangenen Hering gefordert. Die Organisation Greenpeace kritisierte, dass sich die EU-Minister "erneut dem Druck der Fischereilobby" gebeugt hätten. "Mit diesen Quoten wird in der Ostsee weiter auf Pump gefischt", erklärte Greenpace-Meeresexperte Thilo Maack. "Die Fischereiminister haben die Quoten erneut höher angesetzt, als es die Wissenschaft empfiehlt." Der Hering in der westlichen Ostsee leide unter Klimawandel und Überfischung, er brauche "echte Schutzgebiete". 

Auch Heike Vesper von der Umweltorganisation WWF kritisierte die Entscheidung der EU-Staaten als unzureichend. Die festgelegten Fangmengen für Dorsch und Hering seien zu hoch. "In der kommenden Fangsaison wird der einzige vernünftige Nachwuchsjahrgang seit Jahren im Netz enden, bevor er selbst ausreichend für Nachkommen sorgen kann", sagte Vesper. Es bleibe ein Rätsel, wie man auf diese Weise einen Fischbestand aufbauen wolle.

Angler begrüßen Anhebung des Dorsch-Limits

Von der Stabilisierung der Dorschbestände in der westlichen Ostsee profitieren die Angler. Sie dürfen im kommenden Jahr sieben statt fünf Dorsche pro Tag an Bord ziehen. "Die Entscheidung werten wir als kleinen Erfolg", sagte der Geschäftsführer des Landesanglerverbandes Axel Pipping. Die Erhöhung sei ein Zugeständnis, auf das man aufbauen könne. Auch wurde die Laichschonzeit für Februar und März aufgehoben, so dass die Angler nun ganzjährig auf Dorschfang gehen können.

So werden Fangquoten ermittelt

Die EU-Fischereiminister legen in jedem Jahr die zulässigen Gesamtfangmengen fest. Die EU-Kommission gibt dafür vorab Empfehlungen auf der Grundlage des ICES-Gutachten, in denen der Zustand der einzelnen Bestände untersucht wurde. In den Verhandlungen geht es dann darum, Kompromisse zwischen den Interessen der Fischfangindustrie und dem Schutz der Fischbestände zu finden. Mit den Gesamtfangmengen wird bestimmt, wie viel Fisch von einem bestimmten Bestand in einem jeweiligen Jahr gefangen werden darf. Die Gesamtfangmengen werden unter den EU-Staaten dann als nationale Quoten verteilt. Wenn das in einer Quote erlaubte Kontingent ausgeschöpft wurde, darf das jeweilige Land dort vorübergehend keine Fische mehr fangen.

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NDR Info | Aktuell | 16.10.2018 | 11:15 Uhr

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