Stand: 07.11.2018 16:56 Uhr

Mehr Wolfsrisse im Norden: Kommt der Abschuss?

Schafe und andere Nutztiere haben Wölfe in Norddeutschland in den vergangenen Jahren immer häufiger gerissen. Nun mehren sich Stimmen, die einen Abschuss auffälliger Raubtiere fordern.

In Norddeutschland haben Wölfe seit 2015 bei über 500 Übergriffen mehr als 1.300 Nutztiere getötet. Das geht aus Behörden-Zahlen der Bundesländer Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern hervor. In diesem Jahr starben demnach bereits mehr als 320 Tiere bei über 150 Angriffen im Norden - mit den meisten Vorfällen in Niedersachsen. Unterdessen werden Stimmen immer lauter, die den Abschuss auffälliger Raubtiere fordern. Auch auf der Umweltminister-Konferenz, die seit Mittwoch in Bremen stattfindet, steht das Thema deshalb auf der Tagesordnung. Doch wie sieht die Lage in den einzelnen norddeutschen Bundesländern aus?

Niedersachsen: Immer mehr Wolfsrudel

Niedersachsen ist das Land mit dem aktuell größten Wolfs-Vorkommen im Norden: Bis November zählte das Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) 20 Wolfsrudel und zwei Wolfspaare. Die exakte Anzahl von Tieren lässt sich laut NLWKN nicht ermitteln - die Rudelgröße schwanke im Jahresverlauf stark, etwa durch neu geborene oder abwandernde Tiere. In der Regel bestehe ein Rudel jedoch aus fünf bis zehn Wölfen. 100 bis 200 Wölfe dürften demnach aktuell durch Niedersachsens Wälder streifen. Nachweislich gestiegen sind in den vergangenen Jahren die Wolfs-Übergriffe auf Nutztiere: Waren es in 2015 noch 64 Fälle mit 165 toten Tieren, konnte das Wolfsbüro im vergangenen Jahr 427 tote Tiere bei 159 Angriffen nachweisen. In diesem Jahr waren es bislang knapp 90 Fälle mit mehr als 200 toten Tieren - 60 Fälle befinden sich allerdings noch in der Bearbeitung. Um einwandfrei nachweisen zu können, dass Wölfe ein Tier gerissen haben, ist ein Gentest nötig.

Mecklenburg-Vorpommern: Fast 100 tote Tiere

Ähnlich wie in Niedersachsen können auch in Mecklenburg-Vorpommern nach Aussagen des Umweltministeriums keine verlässlichen Aussagen über die genaue Anzahl von Wölfen gemacht werden. Daher zählt man hier ebenso die Rudel: Vier Wolfsrudel halten sich demnach aktuell in Mecklenburg-Vorpommern auf, dazu kommen zwei Wolfspaare und ein Einzelwolf. Was die getöteten Nutztiere angeht, verzeichnet auch das nordöstliche Bundesland einen Anstieg: 13 Übergriffe im Jahr 2015 mit 36 getöteten Tieren stehen 28 Übergriffe mit 66 getöteten Tieren in 2017 gegenüber. Auch in diesem Jahr wurden bereits 17 Wolfs-Angriffe mit sogar fast 100 getöteten Nutztieren gezählt.

Schleswig-Holstein: Anstieg bei Nutztier-Rissen

Auch in Schleswig-Holstein beschäftigt das Thema Wölfe zunehmend Tierhalter und Politik. Bereits 50 nachgewiesene Risse in diesem Jahr hat Martin Schmidt vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) NDR.de bestätigt. In den Jahren zuvor waren es deutlich weniger gewesen. Seit 2015 wurden in dem Bundesland insgesamt fast 200 Nutztiere von Wölfen getötet, bei 24 weiteren können die Räuber als Verursacher nicht ausgeschlossen werden. Die genaue Anzahl an Wölfen sei allerdings schwierig zu ermitteln: In Schleswig-Holstein gibt es laut Schmidt keine festen Rudel oder sesshaften Einzeltiere. Stattdessen habe man es mit durchziehenden Raubtieren zu tun, weswegen in dem Bundesland Wolfsnachweise protokolliert werden: Vom Losungs-Fund - also Kot - über das Foto bis zum Riss von Nutztieren. Nach Angaben des LLUR gab es demnach 119 Wolfsnachweise seit 2007, davon die meisten - nämlich 71 - in diesem Jahr.

Hamburger Wolfspopulation: 1

Hamburg bietet naturgemäß wenig Lebensraum für die grundsätzlich scheuen Raubtiere. Immerhin ein Wolf scheint es aber seit diesem Jahr in dem Stadtstaat zu gefallen. Auffällig geworden ist er allerdings auch gleich: Ein Lamm hat er laut zuständiger Behörde gerissen.

Umweltminister Lies fordert Schulterschluss der Länder

Angriffe auf vom Menschen gehaltene Tiere - die gibt es also mittlerweile überall im Norden. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) appellierte deshalb an seine Kollegen, einen einheitlichen Umgang mit dem Wolf zu finden. Im Vorfeld der Umweltminister-Konferenz sagte Lies: "Auch die noch nicht betroffenen Länder und auch der Bund müssen begreifen, dass Abwarten der falsche Weg ist." Und der Politiker sprach sich erneut für ein hartes Durchgreifen aus: Wo Zäune nicht genügten, um die Raubtiere abzuhalten, müsse auch ein Abschuss möglich sein, sagte Lies der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ). So ein Vorgehen wäre bislang neu.

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Der Deutsche Jagdverband hat die Umweltminister zu Beginn der Bremer Konferenz aufgefordert, das Bundesnaturschutzgesetz zu novellieren. Der Schuss auf Einzeltiere oder Rudel, die auffällig geworden sind, widerspreche nicht dem Schutzzweck. Auffällig - damit sind laut Helmut Dammann-Tamke vom Verbandspräsidium Raubtiere gemeint, die sich auf Nutztiere spezialisiert haben oder sich mehrfach menschlichen Siedlungen nähern. Für eine Abschuss-Praxis nötig seien allerdings klare Kriterien, die die Bevölkerung auch mitträgt. Die Jäger begrüßen zudem einevon Umweltminister Lies angeschobene Bundesratsinitiative der Länder Niedersachsen, Brandenburg und Sachsen: Sie sieht ein nationales Wolfskonzept und klare Regeln für die Tötung verhaltensauffälliger Tiere vor.

Landwirte: Beispiel an Schweden nehmen

Auch Landwirte zeigen sich beim Thema Schutz vor Wölfen zunehmend ungeduldig. Bauernverbandspräsident Joachim Rukwied sagte der Zeitung: "Der Herdenschutz stößt zunehmend an seine Grenzen. Es sei "dringend Zeit", die Zahl der Wölfe zu begrenzen. Rukwied fordert deshalb ein "aktives Wolfsmanagement". Länder wie Schweden und Frankreich machten vor, dass der Abschuss von Wölfen trotz des strengen Schutzstatus der Tiere im EU-Naturschutzrecht möglich sei. Deutschland dürfe hingegen nicht "in einer falschen Wolfsromantik verharren", so der Bauernverbandspräsident.

Naturschutzbund glaubt nicht an Wirkung der Flinte

Gänzlich anders sieht der Naturschutzbund (NABU). Dort warnt man davor, Schüsse auf Wölfe als effektiven Herdenschutz zu betrachten. Wolfsreferentin Marie Neuwald sagte der NOZ, Zäune und andere Abwehrmaßnahmen seien nach wie vor die beste Lösung. Aber auch die Naturschützer lehnen den Abschuss nicht grundsätzlich ab: Sollte ein Wolf nachgewiesenermaßen guten Herdenschutz mehrmals überwinden, so Neuwald, müsse es Strukturen geben, die eine Entnahme des Tieres als letzte Möglichkeit schnell und rechtssicher ermöglichen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Lüneburg | 01.11.2018 | 17:00 Uhr

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