Stand: 08.10.2019 17:22 Uhr

Ein Wurst-Skandal mit Ansage

Der Skandal um Listeriose-Bakterien in Fleischprodukten des Wurstwaren-Herstellers Wilke aus Hessen beherrscht die Schlagzeilen. Die Firma, die inzwischen Insolvenz angemeldet hat, lieferte ihre Produkte unter anderem nach Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Welche Konsequenzen wird der Fall für Fleischhersteller und Verbraucher nach sich ziehen?

Ein Kommentar von Verena Gonsch, NDR Info

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Verena Gonsch meint, dass es falsch wäre, die ganze Branche zu verdammen. Die Kontrollwege müssten aber überprüft und verbessert werden.

Bisher weiß noch niemand, welches Ausmaß dieser Fleisch-Skandal annehmen wird - und wie viele Menschen genau durch verdorbene Wurst erkrankt oder sogar gestorben sind. Eines ist aber heute schon klar: Es ist ein Skandal mit Ansage! Wenn es stimmt, gab es schon seit Monaten erhebliche Hinweise auf hygienische Mängel bei der Herstellerfirma Wilke. Und die Äußerungen der Mitarbeiter lassen erahnen, dass die Ekelschwelle schon seit Langem überschritten war.

Was uns als Verbraucher aufhorchen lassen sollte: Nicht die Lebensmittelbehörden, sondern das Robert Koch-Institut in Berlin ist auf den Skandal gestoßen. Den Virologen in Berlin waren bundesweit Patienten aufgefallen, die an der meldepflichtigen Listeriose erkrankt waren. Sie alarmierten die zuständigen Lebensmittelbehörden, die sich dann auf die Suche nach den Verursachern machten. 

Die Werbung ist das eine, die Realität das andere

Der Rest der Geschichte ist ein Paradebeispiel für unsere industrialisierte Fleischverarbeitung. Die Werbung gaukelt uns glückliche Tiere vor und sauber gewienerte Hallen, in denen man vom Boden essen könnte. Die Realität will so schonungslos niemand sehen. Das fängt bei der Haltung der Tiere an und endet bei ihrer Schlachtung und Verarbeitung.

Ganz am Ende der Kette landet das noch so kleinste Teil des Tieres in irgendeiner Wurst. Und die ist bei Wilke offenbar an so viele Hersteller gegangen, dass die Behörden jetzt größte Mühe haben herauszufinden, an wen die kontaminierte Wurst geliefert wurde.

Ein Problem sind Lücken in der Dokumentation

Listeriose-Bakterien sind vor allem für geschwächte und ältere Menschen gefährlich. Den Reha-Kliniken, Krankenhäusern und Altenheimen jetzt einen Vorwurf zu machen, die noch vor wenigen Tagen Wilke-Wurst zum Abendbrot servierten, ist falsch.

Was nicht funktioniert hat, ist offenbar die durch europäisches Recht vorgeschriebene Rückverfolgbarkeit von Waren. Die Lieferkette ist eben nicht so lückenlos dokumentiert, wie der Verbraucher erwarten kann. Und die Behörden haben das zu lange nicht sanktioniert. Der Verdacht liegt nahe, dass die Ämter mit dem Wachstum der Branche nicht mehr Schritt halten können.

Qualität hat ihren Preis

Innerhalb von einem Jahrzehnt hat die Fleischwirtschaft in Deutschland ihre Umsätze verdoppelt. Ein erheblicher Anteil der Waren wird ins Ausland exportiert, in die EU-Länder, aber auch nach China. Wilke war da nur ein kleines Licht, verglichen mit Riesen wie Tönnies und Westfleisch. Die ganze Branche jetzt zu verdammen wäre deshalb falsch. Trotzdem sollten die Kontrollwege überprüft und verbessert werden.

Für den Verbraucher bleibt nur eine Konsequenz: Die Billigwurst oder das halbe Hähnchen im Angebot lieber liegen lassen. Denn Qualität hat ihren Preis. Und die bleibt bei dieser Art von industrialisierter Fertigung schnell mal auf der Strecke.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 08.10.2019 | 17:08 Uhr

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