Stand: 17.09.2019 16:30 Uhr

"EZB-Chef Draghi ist kein Vampir"

Die Europäische Zentralbank steht derzeit so stark wie nie zuvor in der Kritik. Der Grund: ihre extrem lockere Geldpolitik. Eine Abkehr vom Nullzins ist nicht in Sicht. Und so schäumen gerade in Deutschland Politiker, Bankmanager und einige Medien. EZB-Chef Draghi stellen sie als Vampir da, der unser Erspartes klaut. Ist dem wirklich so?

Ein Kommentar von Jürgen Webermann, NDR Info

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Der EZB vorzuwerfen, sie klaue unser Erspartes, greife zu kurz, meint Jürgen Webermann.

Keine Frage: Ein Leitzins, der einfach nur unangefochten bei Null liegt, ist gefährlich. Er sorgt dafür, dass Millionen Menschen Geld verlieren, weil die Verzinsung ihrer häufig eher knappen Ersparnisse deutlich unter der Inflationsrate liegt. Dieser Verlust beträgt für deutsche Sparer geschätzt seit 2010 mehr als 600 Milliarden Euro. Reiche Menschen werden dagegen reicher, weil sie sich zum Beispiel Immobilien leisten können, deren Wert in diesen Zeiten rasant ansteigt.

Der Hinweis für verunsicherte Sparer dagegen, ihr sauer erspartes Geld in Investmentfonds, also an der Börse, zu investieren, hilft den meisten nur bedingt weiter. Was, wenn die Zentralbanken eine Zinswende einleiten? Der letzte Versuch der US-Notenbank FED 2018 endete in Turbulenzen an den Aktienmärkten. Niemand weiß, ob die sage und schreibe vier Billionen Dollar, die derzeit in den überall angepriesenen ETF-Fonds stecken, nicht auch eine Blase bilden, die platzen könnte.

Und zuletzt die Frage: Wollen wir wirklich, dass unsere Gesellschaft angelsächsischer wird, risiko- und börsenorientierter? Gerade wir Deutschen sind zwar jahrzehntelang für unseren ach so langweiligen Hang zum Sparbuch belächelt worden. Kam es zu einer Krise wie 2008, erwies sich dieses System aber als vergleichsweise robust.

Die EZB legt den Leitzins nicht willkürlich fest

Trotzdem: Der EZB jetzt vorzuwerfen, sie klaue unser Erspartes, greift zu kurz und ist ebenfalls gefährlich. Diese Form der Kritik untergräbt das Vertrauen in eine der wichtigsten europäischen Institutionen, und das zu Unrecht.

Die EZB legt den Leitzins nicht willkürlich fest. Sie muss sich an ökonomische Fakten halten. Dazu gehört zum Beispiel, dass sich Länder wie Italien und Deutschland wirtschaftlich unterschiedlich entwickelt haben. Dazu gehört aber auch, dass die Generation der Babyboomer so viel Geld zur Seite gelegt hat, dass wir von einer Sparschwemme sprechen können.

Gleichzeitig hat die Digitalisierung das Wirtschaften für Unternehmen billiger gemacht. Das senkt die Nachfrage der Firmen nach Krediten. Ist das Angebot an Erspartem groß und die Nachfrage nach Krediten gering, kommt ein niedriger Preis für das Geld heraus, in Form eines niedrigen Zinses. Wo genau dieser so genannte natürliche Zins liegt, lässt sich kaum bestimmen. Aber die Rahmenbedingungen sind klar: Er ist sehr niedrig.

Die Bundesregierung hat es in der Hand

Und so scheint es, dass gerade in Deutschland, dem Land der gebeutelten Sparer, ein anderer Akteur derzeit mehr Spielraum hat als die EZB. Die Bundesregierung. Will sie sich Geld leihen, muss sie nicht nur keinen Zins zahlen. Sie erhält sogar einen Zins von den Kreditgebern. Absurd, oder?

In jedem Fall aber ist es eine historische Gelegenheit, das Land nicht nur mit mutigen Investitionen fit zu machen für die Zukunft. Die Regierung könnte auch Steuern senken. Sie könnte auf diese Weise darbende Sparer an anderer Stelle entlasten. Aber sie weigert sich, diesen Spielraum zu nutzen. Vielleicht, weil es mal wieder einfacher ist, mit dem Finger auf eine europäische Institution zu zeigen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 17.09.2019 | 17:08 Uhr

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