Stand: 14.10.2019 16:36 Uhr

Jetzt müssen die SPD-Mitglieder Mut beweisen

Die 430.000 SPD-Mitglieder sind am Zug: Sie entscheiden darüber, wer die Partei künftig führen soll. Nach einer Bewerbungstour durch Deutschland mit 23 Regionalkonferenzen stehen noch sechs Duos zur Wahl.

Ein Kommentar von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

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Die Mitglieder der SPD müssen sich ein Herz fassen, sie müssen die Partei nach links rücken, meint Barbara Kostolnik.

Es fällt schwer, dem Sog zu entkommen, den die Regionalkonferenzen entwickelt haben. Und in der Tat ist es ja wirklich mehr als bemerkenswert, dass der SPD dieser Tage etwas richtig gut gelingt. Diese Konferenzen, nach denen die Partei ihre Vorsitzenden wählt - es werden auf jeden Fall ein Mann und eine Frau -, aber waren ungewöhnlich gut.

Ungewöhnlich diszipliniert traten da am Anfang 17, am Ende zwölf Kandidatinnen und Kandidaten auf und gaben ungewöhnlich bereitwillig Auskunft darüber, was sie antreibt, was ihrer Meinung nach schief gelaufen ist - und was zwingend besser werden muss. Wer verschnarchte Endlos-Debatten in Dauerschleife mit tattrigen Uralt-Mitgliedern erwartet hatte, die Monologe über die gute alte Zeit halten, wurde bitter enttäuscht.

Schwierig wird es erst nach der Wahl

Es zeigte sich eine lebende Partei mit einer lebendigen Debatten-Kultur, interessierten Fragestellerinnen und Fragestellern, informierten und angenehm prägnant antwortenden Kandidaten. Kurz: Das Experiment, von dem sie in der Parteizentrale im Willy-Brandt-Haus zu Beginn nicht wirklich überzeugt waren, gelang.

Nun kommt der schwierigste Teil - und das ist nicht die Wahl selbst, von der tatsächlich niemand sagen kann, wie sie ausgehen wird. Der schwierigste Teil ist der, der danach kommt: sich hinter dem gewählten Tandem uneingeschränkt zu versammeln. Und es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn jetzt Chef-Stänkerer wie der Kandidat Karl Lauterbach genau das einfordern: Solidarität und das Ende von verstörend vernichtenden Querschüssen.

Frei machen von den Sünden der Vergangenheit

Der Prozess, dem sich die Partei ausgesetzt hat, ist ein sehr demokratischer Prozess, die Basis, die Mitglieder voll umfänglich entscheiden zu lassen. Es ist gut, dass die SPD dieses Verfahren gewählt hat. In gewisser Weise zwingt es zur Disziplin. In einer Partei, die irrlichternde Flügel hat, und in der Disziplin eher ein Schimpfwort zu sein scheint, kann das positive Auswirkungen haben.

Weitaus entscheidender wird jedoch sein, welchen Kurs dieses neue Führungsduo einschlägt, welche Programmatik es wählt. Zwischen "Weiter so, GroKo" und "Nichts wie raus nach links" ist schließlich alles dabei. Die SPD hat nach der Wahl die Chance, sich neu aufzustellen, sich von sich selbst weg und auf Wählerinnen und Wähler zuzubewegen. Dafür aber muss sie sich komplett frei machen von den Sünden der Vergangenheit.

Status quo wäre mutlose Entscheidung

Die Wahl von Status-quo-Pragmatikern wäre insofern ein katastrophaler Rollback, eine mutlose, von Angst getriebene Entscheidung, mit der sich die SPD noch tiefer in die Abhängigkeit von der Union begibt.

Denn es ist doch so: So gut und so viel die Sozialdemokraten in der Regierung auch durchsetzen, es geht nicht mit ihnen nach Hause. Und eine radikal neue Politik - grün, links, solidarisch - funktioniert nur in einer anderen Konstellation. Jetzt müssen sich die Mitglieder ein Herz fassen, sonst sieht die älteste Partei Deutschlands demnächst so alt aus wie sie ist, und all die dynamischen Regional-Debatten waren letztlich für die Katz.

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Wie es bei der SPD nun weitergeht

23 Regionalkonferenzen absolvierten die Bewerber. Nun stimmt die Basis darüber ab, wer künftig die Sozialdemokraten anführen soll. Gibt es Favoriten? Mehr bei tagesschau.de. extern

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NDR Info | Kommentar | 14.10.2019 | 16:08 Uhr

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