Stand: 16.09.2019 16:40 Uhr

Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen

Immer mehr Schüler in Deutschland schließen ihr Abitur mit einer Eins vor dem Komma ab. Hatte 2008 noch jeder fünfte Schulabsolvent (20,2 Prozent) einen Notenschnitt von mindestens 1,9, war es 2018 bereits mehr als jeder vierte (25,8 Prozent). Dies berichtet wie die "Rheinische Post" unter Berufung auf eine von ihr durchgeführte Umfrage in allen Bundesländern. Den niedrigsten Anteil an Einser-Abiturienten hatte im vergangenen Jahr Schleswig-Holstein mit 17,3 Prozent.

Ein Kommentar von Verena Gonsch, NDR Info

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Verena Gonsch setzt keine große Hoffnungen in das angestrebte Zentralabitur.

Das aktuelle Ranking bestätigt nur altbekannte Klischees. Für die einen wird den Kindern die Hochschulreife hinterhergeworfen, für die anderen ist die Leistungsgesellschaft so unbarmherzig, dass die Schüler nur noch büffeln.

Integralrechnung und Shakespeare

Wer Kinder in der Schule hat, weiß: Weder das eine noch das andere stimmt. Das Abitur ist genauso schwer oder leicht wie vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren. Die Kinder müssen immer noch die Integralrechnung pauken, Klassiker interpretieren und Shakespeare lesen. Im Gegensatz zu früher müssen sie Präsentationen halten, sie analysieren und recherchieren mehr und sie erarbeiten deutlich mehr Ergebnisse in der Gruppe. Alles Fähigkeiten, die sie für ihr zukünftiges Studium oder die Berufsausbildung brauchen.

Dies vorausgeschickt lassen sich positive und negative Tendenzen aus dem Ranking herauslesen.

Unsere Gesellschaft wird schlauer

Erst die guten Nachrichten: Immer mehr Jugendliche eines Jahrgangs machen das Abitur. Das hebt das Bildungsniveau in Deutschland. Unsere Gesellschaft wird also schlauer. Bundesweit sind es 60 Prozent eines Jahrgangs. Die Hälfte davon studiert, die anderen macht eine Ausbildung. Damit ist das Bildungsniveau auch bei einer angehenden Bankkauffrau oder einem Industriemechatroniker deutlich höher als früher. Die Beschwerden der Kammern und Betriebe über mangelnde Textsicherheit und Rechtschreibefähigkeit der Auszubildenden ist da eher der Generation Smartphone geschuldet, die viel weniger Texte schreibt als noch ihre Eltern.

Zeugnisse, die nicht vergleichbar sind

Kommen wir zu den schlechten Nachrichten: Unser Bildungssystem ist ungerecht. Das Abizeugnis einer Münchnerin ist nicht zu vergleichen mit dem eines Kielers. Die eine nimmt den naturwissenschaftlichen Schwerpunkt und wird in Chemie und Physik geprüft, der andere in Politik und Kunst. Das eine Bundesland nimmt viele Aufgaben aus dem als schwierig geltenden zentralen Aufgabenpool in Mathematik, das andere nur wenig. Die Liste an Beispielen ist unendlich. Heraus kommen zwei Abitur-Zeugnisse, die nicht miteinander zu vergleichen sind.

Das wäre nicht so schlimm, gäbe es nicht den Numerus Clausus. Dieser führt dazu, dass der Wettbewerb an den Universitäten völlig verzerrt ist.

Abiprüfung macht nur ein Drittel aus

Wie kann man das ändern? Auf Dauer wird man mit dieser Ungleichheit in einem föderalen Land wohl leben müssen. Daran wird auch das angestrebte Zentralabitur nichts ändern. Die Aufgaben in der Abiprüfung machen schließlich am Schluss nur ein Drittel der Noten aus. Und bisher gibt es noch längst keinen Konsens der Kultusminister, auch wirklich alles zu vereinheitlichen.

Am Schluss noch eine Zahl, um den Eindruck zu relativieren, unsere Abiturienten seien Überflieger und die Lehrer würden nur so mit guten Noten um sich werfen. Die Durchschnittsnote in fast allen Bundesländern liegt derzeit bei 2,5.

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NDR Info | Kommentar | 16.09.2019 | 17:08 Uhr

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