Stand: 20.12.2017 17:25 Uhr

K.o.-Tropfen: Ein Vergewaltigungsopfer erzählt

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Nach der Vergewaltigung im Jahr 1996 hat Petra Glueck lange Zeit geschwiegen.

Der Vorfall im Juni 1996 hat das Leben von Petra Glueck für immer tiefgreifend verändert, dabei hatte sie sich auf den Tag sehr gefreut: Ein Wiedersehen mit alten Klassenkameraden aus der Grundschule in Niedersachsen sollte es sein - doch es kam ganz anders: "Ich habe an einem Abend zweimal K.o.-Tropfen bekommen und wurde von zwei ehemaligen Mitschülern in meiner eigenen Wohnung schwer missbraucht." Wenn die heute 56 Jahre alte medizinische Assistentin diese Sätze formuliert, spricht sie schnell, ihre Stimme wirkt gepresst.

"Mein Leben danach ist nicht mehr mein Leben gewesen"

Dieses Ereignis führte dazu, das ihr bis dahin glückliches und auch beruflich erfolgreiches Leben vollkommen aus dem Ruder lief. "Das Furchtbarste war, dass ich mich nicht direkt an die Tat erinnere, aber an alle Anzeichen. Mein Leben danach ist nicht mehr mein Leben gewesen."

Erinnerungen an Ablauf sind getilgt

Der Grund für die "Erinnerungslücke": die K.o.-Tropfen. Sie haben die Erinnerungen an den konkreten Ablauf des Verbrechens aus dem Hirn getilgt. Ein Umstand, der die körperlichen und vor allem die seelischen Verletzungen für sie noch unerträglicher werden lässt, "weil man im Kopf immer nachvollziehen möchte, was passiert ist, und die Phantasie malt sich immer das Allerschlimmste aus." Die körperlichen Symptome seien eindeutig gewesen, sagt die gelernte Arzthelferin. Sie sei schwer verletzt gewesen, aber: "Ich habe nie begriffen, was wirklich passiert ist, und das war für meinen Verstand nicht nachzuvollziehen."

Verdrängung aus Schamgefühl

Was sind K.o.-Tropfen?

Unter K.o.-Tropfen werden verschiedene Substanzen zusammengefasst, die anderen Personen unbemerkt verabreicht werden. Die Opfer werden damit wehrlos gemacht. K.o.-Tropfen haben eine narkotisierende Wirkung. Sie gelten als Partydroge und sind geruch- und farblos. Ihre heimliche Verabreichung ist strafbar. Der Straftatbestand: gefährliche Körperverletzung.

Petra Glueck, die heute in Schleswig-Holstein lebt, zog Konsequenzen auf ihre Weise: "Von dem Tag an habe ich geschwiegen und niemals darüber gesprochen - aus Schuld und Schamgefühlen." Mit aller Kraft versuchte sie, das Geschehene zu verdrängen. Eine ihrer ersten Handlungen: Sie suchte alle ihre Kleider zusammen, die sie am Tatabend getragen hatte und fuhr in den Nachbarort, um sie in einem Abfallcontainer zu entsorgen, wie sie selber sagt. Auch die Schuhe landeten im Müll: "Ich wollte Entfernung zu dem Geschehenen herstellen und keine Spuren in meiner Wohnung haben, die mich daran erinnern."

"Was haben die mit dir gemacht?"

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Petra Glueck kann sich nicht an die Tat erinnern.

Doch alle Verdrängung hilft nicht wirklich weiter. Bei Petra Glueck wird ein Prozess in Gang gesetzt, der sie fast zwei Jahrzehnte nicht mehr loslassen soll; ein täglich wiederkehrender Alptraum: "Ich habe diese Situation immer wieder erleben müssen: Ich habe immer wieder im Traum versucht zu begreifen: Was ist dir passiert, was haben die mit dir wirklich gemacht?"

Familie verlassen - Job verloren

Eine Antwort findet sie nicht. Sie nennt es "Erinnerung ohne Erinnerung". Nach und nach zog sie sich immer mehr in sich selbst zurück: "Ich habe mein altes Leben verlassen, die Familie verlassen, weil ich niemandem erklären konnte, warum ich mich so verändert habe." Am Ende verlor sie auch ihren gut bezahlten Job im Außendienst eines Unternehmens für Rehabilitationsprodukte.

Posttraumatische Belastungsstörung festgestellt

Die Scham über das Geschehene habe sie in fast allen Lebensbereichen blockiert: "Ich habe mich jeden Morgen geschminkt und mir damit eine Maske aufgesetzt, damit niemand mir diese Scham ansieht."

Im Jahre 2014 wußte Petra Glueck endgültig nicht mehr weiter, vertraute sich einer Psychotherapeutin an. Festgestellt wurde eine ernsthafte Erkrankung, eine  posttraumatische Belastungsstörung. Therapie folgte auf Therapie. Den aber wohl entscheidenden Schritt ging sie selbst: Petra Glueck begann ein Buch über den Abend des Verbrechens zu schreiben. Sie findet ihre Worte wieder, um ihre Gefühle zu beschreiben: "Als ich den Albtraum aufgeschrieben und ihn dann selbst gelesen habe, war er fort."

Buch geschrieben, Lesungen und Vorträge gehalten

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Das Buch von Petra Glueck heißt "K.O.-NO!!! Pass auf Dich auf!" und ist im Manuela Kinzel Verlag erschienen.

Sie fand einen Verlag, das Buch erschien und Petra Glueck erhielt viel Post - auch von Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie sie. Ihr Fazit: "Es gibt unfassbar viele Opfer. Es gibt Frauen, Männer und Kinder. Es gibt nicht nur junge Frauen, sondern auch viele Frauen in meinem Alter, die jahrzehntelang schon schweigen."  Mittlerweile arbeitet Petra Glueck mit der Opferhilfsorganisation Weißer Ring zusammen, hält Vorträge und Lesungen, wie kürzlich im Frauengefängnis in Hildesheim oder in Krankenhäusern wie der Paracelsusklinik in Bad Gandersheim. Sie glaubt einem Phänomen auf der Spur zu sein, dem aus ihrer Sicht mehr Beachtung geschenkt werden sollte.

Berater des Weißen Rings sind über das kostenlose Opfer-Telefon 116 006 täglich von 7 bis 22 Uhr erreichbar.

Hintergrund

K.o.-Tropfen - Die Gefahr im Nachtleben

Gamma-Hydroxy-Buttersäure, kurz GHB, wirkt einschläfernd - und wird in Form von K.o.-Tropfen missbraucht. Die strafrechtliche Verfolgung ist schwierig. Opfer sollten schnellstens zum Arzt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 21.12.2017 | 06:38 Uhr

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