Stand: 20.02.2018 06:15 Uhr

Ja oder nein? SPD-Mitglieder stehen im Fokus

Nun hängt also alles an den SPD-Mitgliedern. Ein besonderer Fokus bei der heute startenden Abstimmung über den Koalitionsvertrag liegt auf den rund 24.000 neuen Sozialdemokraten. Sie sind erst in diesem Jahr in die Partei eingetreten - zum Großteil, so lautet die Vermutung, um sich an dem jetzigen Mitgliederentscheid beteiligen zu können. NDR Info hat zwei Neu-SPDler getroffen, die zwar die Begeisterung für die SPD, nicht aber für die GroKo teilen. Abstimmen werden sie dennoch unterschiedlich.

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Guido Lesum wird beim SPD-Votum gegen die GroKo stimmen.

Guido Lesum steht in seinem Obst- und Gemüseladen im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel hinter der Kasse. Um ihn herum packen seine Kunden Pilze in Papiertüten, riechen an Kräutern und wählen zwischen verschiedenen Salatsorten. Wie viel politische Leidenschaft in dem Verkäufer vor ihnen steckt, ahnen sie wohl alle nicht.

Dabei muss man Guido Lesum nur kurz auf die SPD ansprechen und schon geht er in die Luft: "Es kotzt mich an, weil ich denke, dass die SPD ihre Werte verloren hat. Das S steht nur noch für Seeheimer Kreis und nicht mehr für Sozial."

"SPD betreibt konservative CDU-Politik"

Die Kampagne der Jusos für ein "Nein" zur Groko hat den 48-Jährigen dazu gebracht, im Januar dieses Jahres Mitglied bei den Sozialdemokraten zu werden: "Den Antrag habe ich in der dritten Januarwoche gestellt. Eigentlich bin ich ein klassischer SPD-Wähler, aber jetzt musste ich mitkriegen, wie sich die SPD von der CDU über den Tisch ziehen lässt. Sie betreibt konservative CDU-Politik. Ich sage absolut 'Nein' zur Großen Koalition."

Soziale Themen sind aus seiner Sicht im ausgehandelten Koalitionsvertrag kaum zu finden. Außerdem will er die Parteispitze mit seinem Nein beim Mitgliederentscheid für die jüngsten Personalquerelen abstrafen: "Es war eigentlich mehr so ein Ämtergeschacher, wer kriegt welche Ministerposten. Das war sehr schade. Was da passiert, das ist gar nicht mehr seriös. Das ist auch dem Wähler nicht mehr zu vermitteln."

Kritik an No-GroKo-Kampagne der Jusos

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Bernhard Augustin ist für eine erneute Große Koalition.

Wie Guido Lesum sind viele der Kampagne der Groko-Kritiker gefolgt - ganz nach dem Motto "Tritt ein, sag Nein". Doch nicht alle Neu-SPDler lehnen eine Große Koalition ab. Da gibt es auch noch Menschen wie Bernhard Augustin aus dem niedersächsischen Stade. Er sieht die Werbetour der Jusos für ein "Nein" zum Koalitionsvertrag kritisch: "Dass die gesagt haben, wir sind gegen eine Groko und ihr müsst jetzt alle schnell eintreten und ihr könnt dagegen stimmen. Da ist eine ganze Masse Gegenwind gewesen. Das muss man jetzt mal relativieren, diese Geschichte."

Trennen zwischen Inhalts- und Personaldebatte

Und um die Geschichte zu relativieren, ist auch Augustin in diesem Jahr in die SPD eingetreten. Er will für den ausgehandelten Koalitionsvertrag stimmen. Auch wenn ihm das jüngste Hin und Herr an der Spitze der Partei gegen den Strich geht: "Für mich ist das eine Führungskrise. Das hat aber mit dem, was wir in den Verhandlungen jetzt erreicht haben, überhaupt nichts zu tun. Das befürworte ich einfach. Die SPD-Handschrift ist einfach, dass man sagt, gebührenfreie Kita-Plätze, wir wollen in Bildung investieren, das ist was für den normalen mittelständischen Bürger und das passt."

"In der jetzigen Situation kann man sich auch erneuern"

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Insgesamt stimmen mehr als 460.000 SPD-Mitglieder ab. Am 4. März soll das Ergebnis feststehen.

Augustin ist Talentscout, fördert junge Fußballer in Niedersachsen. Er wird nicht müde, die SPD und ihre schlechten Umfragewerte mit dem ebenfalls angeschlagenen Bundesligisten Hamburger SV zu vergleichen. Ja, die Partei müsse sich neu ausrichten, aber: "Irgendwie zu sagen, wir müssen jetzt erst mal eine Etage tiefer, um uns wieder zu erneuern: Abstieg macht für mich keinen Sinn, in der jetzigen Situation kann man sich auch erneuern."

Eine Rückbesinnung auf die Kerninhalte der Partei und eine Erneuerung des "Kaders", wie er sagt, hält er auch dann für möglich, wenn die SPD mitregiert. Er hofft daher auf ein "Ja" der Mitglieder zum ausgehandelten Koalitionsvertrag, auch wenn es sicher eine knappe Kiste werden könnte: "Ich bin eigentlich optimistisch, dass es knapp langt. Wie bei der Abstimmung zu dem HSV-Präsidenten jetzt, 51 zu 49, könnte ja hier vielleicht auch so sein."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 20.02.2018 | 07:08 Uhr

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