Stand: 07.06.2019 15:50 Uhr

Grüne: Wer hoch fliegt, kann tief fallen

Die Grünen befinden sich im Höhenflug: Bei der Europawahl Ende Mai hat die Partei überraschend gut abgeschnitten. Nun haben die Grünen im ARD-DeutschlandTrend erstmals die Union als stärkste Kraft abgelöst. Die SPD stürzt auf ein Rekordtief.

Ein Kommentar von Christoph Prössl,
Hörfunk-Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio Berlin

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Christoph Prössl meint, die Grünen stehen für einen neuen Politikstil.

Der Erfolg der Grünen spiegelt einen Umbruch in der Parteienlandschaft und auch eine gesellschaftliche Umwälzung. Die Grünen sind stärkste Kraft - der Umfrage von Infratest dimap zufolge - vor der Union. Die erreichten 26 Prozent bei der Sonntagsfrage beziffern eine Entwicklung, die schon vor längerer Zeit einsetzte. Wie immer bei Umfragen darf der Betrachter nicht vergessen, dass Umfragen eben nur ein Gradmesser der politischen Stimmung sind. Trotzdem: Das Ergebnis zur Europawahl hat verdeutlicht, dass es vielen Wählerinnen und Wählern ernst ist: Union und SPD sind nicht gesetzt die größten Fraktionen.

Union und SPD haben Glaubwürdigkeit verloren

Der Erfolg hat viele Ursachen. Der Klimawandel ist für viele Bürgerinnen und Bürger das wichtigste Thema bei der Europawahl gewesen. Die Grünen konnten viele Menschen überzeugen, dass sie die besten Antworten auf die Herausforderung haben. Union und SPD haben in den vergangenen Jahren ihre Glaubwürdigkeit verloren im Streit um Klimaziele, die mangelhafte Aufarbeitung des Diesel-Skandals und eine Energiepolitik, die von Zögerlichkeit und Einfallslosigkeit geprägt war.

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Die Grünen freuen sich über ihren Erfolg bei der Europwahl Ende Mai.

Ja, der Erfolg der Grünen basiert auch auf der Schwäche von Union und SPD. Aber eben nicht allein. Und vor allem: AfD, FDP und Linke konnten davon nur bedingt oder eben gar nicht profitieren.  In Landesregierungen haben die Grünen Pragmatismus bewiesen und die Fähigkeit, Politik zu vermitteln. Robert Habeck stand als Umweltminister von Schleswig-Holstein bei den Landwirten auf dem Hof, deren Schafe gerade vom Wolf gerissen worden waren. Er moderierte einen Dialog, um Halden für den Beton-Schrott aus stillgelegten Atomkraftwerken in Gemeinden zu ermöglichen. Politik ist anstrengend, niemals beliebig und erfordert Mut, Dialog-Bereitschaft, inhaltliche Auseinandersetzung.

Die Grünen stehen für einen neuen Politikstil

Die Grünen und die Parteivorsitzenden stehen auch für einen neuen Politikstil. Mehr Argumente, weniger Hülsen. Mehr Sachlichkeit, keine Hassrede. Sie vermitteln ein positives Bild - Politik kann Probleme lösen. Ich unterstelle, dass das auch gerade junge Wähler anspricht. Andersherum formuliert: Union und SPD verlieren junge Menschen – und jung ist hier relativ: Ich spreche von Personen unter 50 Jahren. Der Erfolg der Grünen ist auch ein Auflehnen der Jungen - für Klimapolitik, gegen Populismus, gegen den Stillstand der Großen Koalition, für eine Politik, die glaubhaft Lösungen anbietet.

Die Grüne Partei ist eine junge Partei. Der Blick in den Bundestag macht es deutlich: Bei den Grünen ist der Anteil jüngerer Abgeordneter erfreulich hoch, Netzthemen spielen eine wichtige Rolle, ein Youtuber würde mit seinem Video "die Zerstörung der Grünen" wahrscheinlich einen gelasseneren Umgang erfahren und keine Selbstzerstörung auslösen.

Der Erfolg ist ein Vorschuss für die Zukunft. Das gilt auch für die grüne Partei. Die Grünen müssen ein Versprechen einlösen. Inhaltlich, aber auch formal: Einigkeit beweisen, keine Flügelkämpfe. Sich selbst treu bleiben und Kompromissbereitschaft leben. Wer hoch fliegt, kann tief fallen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 07.06.2019 | 17:08 Uhr

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