Stand: 07.07.2017 10:00 Uhr

Fragen und Antworten zur Spurensicherung

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Am Tatort müssen verschiedenste Spuren gesichert werden. (Themenfoto)

Die Aufklärungsquote bei Mord liegt in Deutschland bei derzeit 93,2 Prozent. Sie ist so hoch, weil es meist eine Täter-Opfer-Beziehung gibt. Solche Verbrechen haben meist eine Vorgeschichte, die der Polizei hilft, den Mörder zu ermitteln. Zudem ist nach so einem Gewaltausbruch der Druck des Täters meist "weg" und eine Folgetat häufig unwahrscheinlich. Die Polizei hat also Zeit für die Ermittlungen. Beim Taximord von Nienstedten 2010 war das anders. Eine Extremsituation für die Ermittler: Es gab keine erkennbare Täter-Opfer-Beziehung und die Zeit saß ihnen im Nacken. "Wir haben einen Täter, der bewaffnet durch Hamburg läuft, der bereit ist zu töten. Und wir haben ihn nicht unter Kontrolle“, beschreibt Ermittler Sven B. die angespannte Situation nach dem Hamburger Taximord. "Wir haben also nichts anderes zu tun, als diesen möglichst schnell von der Straße zu nehmen." Doch auf was kommt es an in den ersten Stunden nach einem Mord? NDR.de mit Fragen und Antworten zum Thema Tatort und Spurensicherung.

Wie wichtig ist der Tatort für eine Mordermittlung?

"Der Tatort ist für uns immens wichtig", sagt Ermittler Sven B. "Wir werden nie wieder einen Tatort so jungfräulich erleben wie in dem Moment, in dem wir dort ankommen. Er ist das einzige Verbindungsteil, das wir vom Täter zu uns haben." Daher werde versucht, so viele Informationen wie möglich aus einem Tatort herauszulesen und sämtliche Spuren zu sichern. Aber es gibt auch noch einen weiteren Grund, der die Anwesenheit der Ermittler am Ort des Geschehens dringend notwendig macht: "Es gibt viele Stimmungen, die lassen sich im Büro einfach nicht nachvollziehen", sagt Sven B. "Die kann man nur dort nachvollziehen, wo sie entstanden sind."

Wie friert man einen Tatort ein?

Wenn die Ermittler es für erforderlich halten, wird am Tatort ein 3-D-Laser-Scanner eingesetzt. Das kann sowohl bei Tötungsdelikten als auch bei Raub, Unfällen oder anderen Delikten der Fall sein. Der Scanner arbeitet mit Laserstrahlen, die innerhalb von einer Minute und 41 Sekunden eine sogenannte Punktewolke erzeugen, aus denen sich dann ein 3-D-Bild generiert. Die Aufnahmen helfen den Ermittlern, die Situation am Tatort einzufangen und zu konservieren: Mithilfe des Gerätes kann der gesamte Tatort problemlos und mit all seinen Details gescannt und damit für die weiteren Ermittlungen gesichert werden. Die dreidimensionalen Aufnahmen versetzen die Polizei in die Lage, die Begebenheiten am Tatort immer wieder zu rekonstruieren. Sie können sich den Tatort aus verschiedenen Perspektiven ansehen und sich darin bewegen. Auch in einem Prozess können die Aufnahmen helfen, die Vorgänge noch einmal genau nachzuvollziehen.

Welche Spuren werden gesichert?

An einem Tatort gibt es eine Vielzahl von Spuren, die gesichert werden müssen. Dazu gehören DNA-Spuren und Fingerabdrücke, aber auch Textilfasern, Bodenproben, Reifenspuren und Schmauchspuren, also Rückstände von Schießpulver.

Auch Geruchsspuren können auf bestimmten Trägern wie Stoff oder in Plastikbeuteln gesichert werden - speziell ausgebildete Hunde können diese Spuren dann einem Verdächtigen zuordnen. Im Falle des Taximordes hatten die Kriminaltechniker Geruchsspuren von den Sitzen genommen. Denn es war klar, dass der Täter einige Zeit in dem Taxi gesessen haben musste.

Die Analyse der Spuren übernehmen in Hamburg die entsprechenden Fachabteilungen im LKA 3, das für Kriminalwissenschaft und Technik zuständig ist. So gibt es unter anderem den Fachbereich Spurensicherung, einen Fachbereich Chemie/Toxikologie, einen Fachbereich Daktyloskopie und Personenfeststellung, den Fachbereich Allgemeine Biologie/Textilkunde und den Fachbereich Forensische DNA-Analytik.

Was ist die Daktyloskopie?

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Fingerabdrücke spielen bei polizeilichen Ermittlungen eine große Rolle.

Seit mehr als 100 Jahren spielt das Fingerabdruckverfahren - die Daktyloskopie - eine zentrale Rolle bei polizeilichen Ermittlungen. Jeder Mensch hat einen einzigartigen Fingerabdruck: Aufgrund der speziellen Anordnung der sogenannten Papillarlinien an den Fingern und der Handinnenfläche kann ein Mensch eindeutig identifiziert werden. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts beschrieb der britische Wissenschaftler Nehemiah Grew charakteristische Merkmale eines Fingerabdrucks wie Hautrillen, Furchen und Porenstruktur. Ivan Vucetic löste 1892 zum ersten Mal einen Fall mit dem Fingerabdruckverfahren. Es ging um einen Doppelmord in Buenos Aires. 1896 wurden Fingerabdrücke als Beweismittel vor Gerichten in Argentinien zugelassen, 20 Jahre später auch in Deutschland. Seitdem hat sich die Daktyloskopie natürlich weiterentwickelt und wird heute IT-gestützt angewendet. Sie ist ein biometrisches Verfahren mit hoher Erkennungsleistung.

Wie werden Fingerabdrücke am Tatort gesichert?

Je nachdem, mit welchem Untergrund sie es zu tun haben, setzen die Ermittler unterschiedliche Techniken ein, um Fingerabdrücke an einem Tatort zu sichern. Auf Glas oder Plastik lassen sich Fingerabdrücke mittels Rußpulver sichtbar machen und können mit Klebefolie gesichert werden. Auf Papier oder Holz werden bestimmte Chemikalien eingesetzt, um die Abdrücke sichtbar zu machen. Dann suchen die Experten nach den sogenannten Minuzien, also herausragenden Merkmalen eines Abdrucks, die für einen Menschen einzigartig sind.

Seit 1993 gibt es das Automatische Fingeridentifizierungssystem AFIS, mit dem Tatortspuren IT-gestützt mit bereits gespeicherten Fingerabdrücken von Straftätern verglichen werden können. Die Kartei des Bundeskriminalamtes (BKA) umfasst rund 2,8 Millionen Fingerabdruckblätter.

Was ist eine DNA-Analyse?

Jeder Mensch verliert pro Stunde rund 40.000 Hautschuppen: Diese Schuppen, aber auch Haare und Körperflüssigkeiten enthalten menschliche Zellen, die für eine DNA-Analyse genutzt werden können - eine molekularbiologische Bestimmung des DNA-Identifizierungsmusters. Wie auch das Fingerabdruckverfahren ist die DNA-Analyse ein unverzichtbares Werkzeug kriminaltechnischer Ermittlungen. Sie hilft der Polizei, Täter zweifelsfrei zu identifizieren. "Mörder, Sexualstraftäter und andere Straftäter können in vielen Fällen durch die Bestimmung des DNA-Identifizierungsmusters ihrer am Tatort eines Verbrechens gefundenen Zellen überführt werden", heißt es dazu in einem Artikel des BKA. Zudem kann das Verfahren dazu beitragen, Unschuldige bereits in einem frühen Ermittlungsstadium zu entlasten und sich auf den oder die wahren Täter zu fokussieren. Allerdings ist die DNA-Analyse langwierig. Sie dauert in der Regel einige Tage oder manchmal sogar Wochen - je nachdem wie ausgelastet das Labor des LKA gerade ist. Deshalb eignet sich die DNA-Technik nicht, um zum Beispiel Fahrraddiebstähle aufzuklären.

Seit 1998 speichern das BKA und die Landeskriminalämter DNA-Identifizierungsmuster in Form von Zahlencodes in einer Analysedatei. Diese Identifizierungsmuster wurden entweder an einem Tatort gesichert oder stammen von Personen, die beschuldigt werden, eine Sexualstraftat oder eine andere Straftat von erheblicher Bedeutung begangen zu haben, oder die wegen einer solchen Straftat verurteilt worden sind. Damit die Daten gespeichert werden können, muss immer ein richterlicher Beschluss oder eine Einverständniserklärung der betroffenen Person vorliegen.

Mithilfe der DNA-Technik können sogar Verbrechen aufgeklärt werden, die bereits Jahrzehnte zurückliegen. Denn vor Jahren gesicherte Spuren können mit den inzwischen verfeinerten Methoden molekulargenetisch untersucht werden. 1990 fällte der Bundesgerichtshof ein Grundsatzurteil, in dem die Nutzung der DNA zu Beweiszwecken in Strafverfahren für zulässig erklärt wurde.

Was macht die Operative Fallanalyse?

Zusätzlich zur Kriminaltechnik können Ermittler auch weitere Einsatzunterstützung anfordern, etwa eine Operative Fallanalyse. Ein Team aus Polizeibeamten und Psychologen schaut sich dabei die bisherigen Ermittlungen an, gibt Impulse für neue Ermittlungsansätze und erstellt bei Bedarf ein Täterprofil.

Welche Rolle spielt das "Klinkenputzen"?

Trotz aller Technik und dem Wissen von Spezialisten: Auch Zeugenbefragungen sind unverzichtbar, um ein Verbrechen aufzuklären. "Ich und meine Kollegen halten sehr viel vom direkten Kontakt mit dem Bürger. Das heißt, wir erwarten vom Bürger Hilfe, und der Bürger ist bereit, sie uns zu geben", sagt Ermittler Sven B. "Das ist der Weg, der uns am weitesten nach vorne bringt."

Aufgabenverteilung bei den Ermittlungen

Beim Hamburger Taximord teilten die Ermittler ihre Aufgabenbereiche auf: Zunächst einmal war das gesamte Team am Tatort, um sich einen Überblick zu verschaffen und sich auszutauschen. Zwei Kollegen kümmerten sich dann bis zum Schluss der Ermittlungen um den Tatort und die Spurensicherung, zwei Kollegen um das Umfeld und die Zeugenbefragungen - alles koordiniert vom Mordbereitschaftsleiter: "Er hält uns den Rücken frei, wenn wir am Tatort arbeiten", beschreibt es Ermittler Sven B.

Am Ende zählte wie in vielen Fällen der kriminalistische Spürsinn der Polizisten, um den Fall aufzuklären: An ihnen liegt es, aus den Begebenheiten am Tatort und der Analyse von Spuren ein Bild vom Tathergang und vom möglichen Motiv zu zeichnen, kreative Ermittlungsansätze zu entwickeln und den Täter schließlich zu stellen.

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