Stand: 03.09.2018 10:39 Uhr  - NDR 1 Radio MV

Fragen und Antworten zur Geflügelpest

Der Nachweis der aggressiven Variante des Geflügelpest-Erregers in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern bereitet nicht nur den Geflügelhaltern Sorgen. Viele Verbraucher und Tierhalter fragen sich, wie sie sich und ihr Haustier vor dem Erreger schützen können. Wie gefährlich ist das hochansteckende Influenza-A-Virus für Tiere und Menschen?

Vogelgrippe oder Geflügelpest - was ist der Unterschied?

Vögel können - ähnlich wie Menschen - an Grippe erkranken. Der Vogelgrippe-Erreger kommt vor allem bei Wasservögeln vor. "Diese Viren gehören zum Ökosystem Wildvogel", sagt Thomas C. Mettenleiter vom Friedrich-Löffler-Institut. Das Virus kann sich genetisch verändern. Aus den eigentlich harmlosen Influenza-Viren kann ein hochpathogenes (stark krankmachendes) Virus werden. Der Begriff Geflügelpest bezieht sich auf die hochpathogenen Influenza-Viren der Typen H5 und H7. Der sich zur Zeit ausbreitende Subtyp H5N8 kann die Tiere stark schädigen oder auch töten. "Der Name Geflügelpest bedeutet, dass es eine Seuche ist", sagt Mettenleiter. Der Begriff steht also für einen schweren Verlauf der Vogelgrippe mit vielen Todesfällen.

Woher kommt das Virus?

Das H5N8-Virus wurde nach Auskunft des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) erstmals Anfang 2014 in Südkorea bei Geflügel und Wildvögeln nachgewiesen. Dort habe es diverse Ausbrüche gegeben, mehrere Millionen Vögel seien sicherheitshalber getötet worden. Im Zuge der Ausbrüche seien infizierte Wildenten entdeckt worden, die aber weniger stark erkranken. Das Virus tauchte auch in China und Japan auf. Zuletzt wurden aus mehreren europäischen Ländern Geflügelpest-Fälle gemeldet.

Wie kommt das Virus in den Norden?

Das ist noch nicht geklärt. Das polnische Veterinäramt schloss einen Zusammenhang zu den jüngst entdeckten Vogelgrippe-Fällen in Deutschland nicht aus. Das Ausbreiten des Virus durch Zugvögel sei nicht zu kontrollieren, hieß es. Als wahrscheinlichster Übertragungsweg wurden 2014 laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) die internationalen Handelsströme, insbesondere zu den Massentierhaltungsanlagen in Asien, identifiziert. Das vermutet auch der NABU beim aktuellen Ausbruch von H5N8: "Sehr wahrscheinlich hat das aktuelle Virus daher seinen Weg direkt aus der Geflügelwirtschaft in China nach Europa gefunden - ohne die Hilfe von Wildvögeln, die niemals direkt von China nach Europa ziehen", sagte NABU-Vogelschutzexperte Lars Lachmann.

Woran erkennt man kranke Tiere?

Kranke Hühner leiden laut Friedrich-Loeffler-Institut unter anderem an Teilnahms- und Appetitlosigkeit, Durchfall, geringerer Legeleistung und Störungen des zentralen Nervensystems, was sich an einer unnormalen Kopfhaltung und Gleichgewichtsstörungen zeigt. Außerdem können Hühner ein stumpfes, gesträubtes Federkleid und Ödeme am Kopf bekommen. Bei Enten und Gänsen zeigt die Erkrankung zunächst keine Symptome.

Welche Vorsichtsmaßnahmen werden empfohlen?

Um eine weitere Ausbreitung der Vogelgrippe zu verhindern, empfiehlt das Friedrich-Loeffler-Institut unter anderem, nur Mitarbeiter in Schutzkleidung in die Ställe zu lassen und am Eingang Wannen oder Matten zur Desinfektion aufzustellen, um eine Übertragung des Virus über die Schuhe zu vermeiden. Außerdem empfiehlt das FLI, die Freilandhaltung einzuschränken. Wildvögel sollten nicht an Futter und Wasser von Nutzgeflügel gelangen. In Regionen mit besonders hoher Wildvogeldichte empfiehlt das Bundesforschungsinstitut eine Stall-Pflicht. Unter Umständen muss ein Bestand komplett gekeult werden.

Welche Regeln gelten in den Sperrgebieten?

Die zuständigen Kreisen richten Sperrbezirke und Beobachtungsgebiete rund um die Fundorte von an Geflügelpest erkrankten Wildvögeln und betroffenen Tierhaltungen ein. Sperrbezirke haben mindestens drei Kilometer Radius, Beobachtungsgebiete mindestens weitere sieben Kilometer. In diesen Gebieten gelten Beschränkungen für Geflügelhaltungen: Geflügel muss im Stall gehalten werden und darf nicht transportiert werden - im Sperrbezirk 21 Tage ab dem letzten Geflügelpest-Nachweis, im Beobachtungsgebiet 15 Tage. Die Nutzgeflügel im Sperrbezirk werden regelmäßig untersucht. Zudem gelten strenge Biosicherheitsmaßnamen (Stallhygiene, Reinigung, Desinfektion). In den Restriktionsgebieten dürfen Hunde und Katzen nicht frei herumlaufen. Diese Tiere erkranken im Regelfall nicht, aber sie können das Virus nach Kontakt weiter verbreiten.

Ist der Erreger auch für Menschen gefährlich?

Der Erreger des Subtyps H5N8 wird derzeit noch vom Friedrich-Löffler-Institut genauer analysiert. Infektionen von Menschen mit den Viren sind laut FLI bislang weltweit nicht nachgewiesen worden. Eine Ansteckung über infizierte Lebensmittel ist nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung "theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich".

Können sich Hunde und Katzen anstecken?

Das Risiko ist sehr gering. Bisher gibt es keine gemeldeten Fälle. Allerdings können Hunde und Katzen das Virus H5N8 verbreiten, wenn sie tote Wildvögel finden und durch die Gegend schleppen. Durch Freilaufverbote, wie sie unter anderem in Hamburg und Hannover verhängt wurden, soll auch verhindert werden, dass Wildvögel aufgescheucht und gestresst werden. Eine Ansteckung durch Tierfutter ist nicht möglich, da die Herstellungsstandards in Deutschland eine Belastung mit entsprechenden Erregern ausschließen. Selbst zubereitetes Futter mit Geflügelfleisch sollte über 70 Grad erhitzt werden, um Influenzaviren abzutöten.

Was sollten Spaziergänger tun?

Die Behörden raten, Hunde in den betroffenen Gebieten vorsichtshalber anzuleinen, selbst wenn kein Freilaufverbot verhängt wurde. In Wassernähe müssten sie ohnehin an der Leine geführt werden, sagte Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Außerdem appelliert das Umweltministerium an Spaziergänger, tote Vögel nicht anzufassen, sondern dem zuständigen Ordnungsamt zu melden.

Was sollte man beim Kochen beachten?

Das Institut für Risikobewertung empfiehlt, rohe Geflügelprodukte und andere Lebensmittel getrennt zu lagern und zuzubereiten. Insbesondere dann, wenn die anderen Lebensmittel nicht noch einmal erhitzt werden. Gerätschaften und Oberflächen, die mit rohem Geflügelfleisch in Berührung gekommen sind, sollten gründlich mit warmem Wasser und Spülmittel gereinigt werden. Das Verpackungsmaterial und Auftauwasser sei sofort zu entsorgen, die Hände sollte man mit warmem Wasser und Seife waschen. Die Geflügelspeisen sollten laut Institut mindestens zwei Minuten lang bei einer Temperatur von mindestens 70 Grad durchgegart werden. Eier seien mindestens sechs Minuten lang zu kochen, bis Eiweiß und Eigelb fest sind.

Darf das Geflügel, trotzdem es den Stall nicht verlassen darf, weiter als "Bio" verkauft werden?

Geflügel aus ökologischer Landwirtschaft muss eigentlich ständig auf freies Gelände gehen können - wenn das Wetter und der Zustand des Bodens dies erlauben. Ausnahme ist, wenn "mit dem Gemeinschaftsrecht im Einklang stehende Einschränkungen und Pflichten zum Schutz der Gesundheit von Mensch und Tier" gelten. Das Gebot, die Tiere wegen der Geflügelpest im Stall zu halten, ist so ein Ausnahme. Die Öko-Verordnung sieht für diesen Fall keine Frist vor, zu der die Tiere, weil sie den Stall nicht verlassen dürfen, ihren Öko-Status verlieren. Die Halter können die Tiere also, trotzdem sie den Stall nicht verlassen dürfen, weiterhin als "Bio" vermarkten.

Ist es trotz der Aufstallung erlaubt, das Geflügel als "Freiland" zu verkaufen?

Ja, allerdings nur für einen Zeitraum von maximal zwölf Wochen, nachdem die Aufstallung amtlich beschlossen wurde. So lange dürfen Eier von Legehennen, trotzdem sie nur im Stall waren, weiter als "aus Freilandhaltung" verkauft werden. Das gleiche gilt für die Vermarktung von Geflügelfleisch. Sollte sich die aktuelle Situation weiter hinziehen, müssen Bund und Halter wiederholt über diese Frist beraten.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 03.09.2018 | 06:30 Uhr