Stand: 11.10.2018 12:14 Uhr

EU geht bei den CO2-Vorgaben nicht weit genug

Autofahrer - besonders Dieselbesitzer - hören, lesen und sehen in den Nachrichten derzeit viel von dem, was aus dem Auspuff herauskommt: Stickoxide und Kohlendioxid. Was die Stickoxide angeht, sprechen immer mehr Städte Fahrverbote aus. Die EU-Umweltminister plädieren dafür, dass die CO2-Grenzwerte für Fahrzeuge bis 2020 um 35 Prozent gesenkt werden müssen.

Ein Kommentar von Ralph Sina, NDR Info Korrespondent in Brüssel

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Setzt die Autoindustrie weiter auf Verbrennungsmotoren, rast sie in eine Sackgasse, meint Ralph Sina.

Das Juncker-Team und die EU-Umweltminister hatten eine große Chance: Sie hätten das Welt-Klima schützen können. Und gleichzeitig die deutsche Autoindustrie - und zwar vor sich selbst. Und vor Angela Merkel, der Schutzpatronin der "Weiter-so"-Mentalität in den Vorstandsetagen von Wolfsburg bis Weissach, von VW bis Porsche.

Autoindustrie benötigt Energiesparanreize

Wer es mit Europas erfolgreichster Autoindustrie und ihren Arbeitsplätzen wirklich ernst meint, der muss sie in die Zukunft katapultieren und ihr neue Energiesparanreize geben. Eine CO2-Reduktion von 40 Prozent, wie sie das Europäische Parlament mehrheitlich befürwortet, ist das richtige und überfällige Signal.

Das EU-Parlament in Straßburg hat die Zeichen der Zeit und die Botschaft des Weltklimarates begriffen. Nicht hingegen das Juncker-Team in Brüssel, die Mehrheit der EU-Umweltminister in Luxemburg und die Bundesregierung in Berlin. Wenn die Autoindustrie der EU - allen voran VW und Audi, BMW, Mercedes und Porsche - weiter mit ihren erstklassigen Verbrennungsmotoren und Doppelkupplungsgetrieben in die Sackgasse der automobilen Vergangenheit rast, dann ist auch der wichtigste Arbeitgeber der EU schwer beschädigt.

Schon jetzt wird in den USA die Mercedes C-Klasse vom E-Mobil Tesla abgehängt. Das Heimatland des Automobils und der Herren Daimler und Diesel gerät ins Hintertreffen.

Vor fast 25 Jahren sah es anders aus

Jetzt rächt sich, dass sich die EU-Kommission unter ihrem Präsidenten Jean-Claude Juncker nicht mehr als Avantgarde in Sachen Klimaschutz betrachtet, sondern als Kanzleramtsgehilfe und als Erfüllungsgehilfe der starken Brüsseler Autolobby.

Das war einmal anders: Der durchschnittliche Kraftstoffverbrauch aller Personenwagen müsse auf vier Liter beschränkt werden, schrieb die Kommission energisch 1995, also bereits vor 23 Jahren. Damals hatte sie die Zeichen erkannt und machte Druck in Sachen Grenzwerte für Kohlendioxid - bis die Bundesregierung damals eingriff und ein Machtwort sprach.

Noch kann der Schadstoff-Irrtum korrigiert werden

Auch dieses Mal erweist sich Berlin bei der Schadstoffreduktion als Ausbremser - gemeinsam mit Bulgarien und Ungarn. Immerhin: Die EU hat noch eine kleine Chance, ihren Schadstoff-Irrtum zu korrigieren. EU-Parlament, Regierungschefs und Kommission müssen sich in einem Kompromissverfahren auf einen gemeinsamen Wert einigen. Vielleicht fällt dieser Brüsseler Kompromiss ja klimafreundlicher und innovationsfördernder aus als von Berlin gewünscht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 10.10.2018 | 18:30 Uhr

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