Stand: 12.02.2018 23:00 Uhr

Der alltägliche Sexismus und seine Folgen

von Elisabeth Weydt

Die #Metoo-Debatte reißt nicht ab - im Gegenteil, sie scheint sich immer aufgeheizter weiterzudrehen. Stilisieren sich manche als Opfer, die gar keine sind? Weiß Man(n) wirklich nicht mehr, was noch erlaubt ist und was schon als sexistisch gilt? Wird flirten bald verboten? Es gibt eindeutig weiterhin Redebedarf.

In einem angesagten Restaurant in Hamburg: Die 23 Jahre alte Maud Rasch und die 20-jährige Marisa Kühn sitzen an einem Tisch am Fenster. In einer halben Stunde beginnt hier Mauds Schicht als Kellnerin. Beide studieren in Hamburg, beide erleben ständig Alltagssexismus, wie sie sagen - Maud besonders in ihrem Nebenjob. Sie fühle sich herabgewürdigt, sagt sie, "wenn man an einen Tisch kommt und dann so Sprüche kommen wie 'Hey Puppe!' oder 'Mäuschen, danach Lust irgendwas zu machen?' oder 'Zieh dich mal aus, zieh dir mal ein bisschen was Kürzeres an'."

Marisa kennt dieses Gefühl von Situationen beim Ausgehen: "Ich finde auch Flirten und so völlig in Ordnung. Aber es ist unmöglich, wenn ich mit einer Freundin abends mal alleine weggehen möchte." Die Männer ließen sie einfach nicht in Ruhe.

Eine Frau hält ein Schild, auf dem #metoo steht, in die Kamera. © NDR

Nicht mein Feminismus!

NDR Info - Redezeit -

Prominente Frauen warnen in Europa vor einem neuen Puritanismus. Ist das freie Miteinander von Männern und Frauen beschädigt? Die NDR Info Redezeit zum Nachhören.

4,67 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Zu viele Männer akzeptieren immer noch kein "Nein"

Marisa und Maud treffen sich mittlerweile häufig lieber zu Hause, als Tanzen zu gehen. In ihren Augen akzeptieren noch immer zu viele Männer auch heute noch kein "Nein". Kein "Nein" zum Gespräch, kein "Nein" zum Tanz, und manchmal auch kein "Nein" zum Anfassen. Marisa erzählt, in Hamburg seien das vor allem die "Vorzeige-BWLer: so schön schick mit Hemdchen, die viel von sich halten und denken, sie hatten ja schon so viele Frauen. Frauen könnten ja gar nicht anders, als sie toll zu finden". Manche Männer seien ihr gegenüber extrem besitzergreifend, weil sie das Gefühl hätten, Macht über sie zu haben.

Ernst gemeinte Komplimente hören die beiden jungen Frauen trotzdem gerne, respektloses Verhalten aber wollen sie nicht.

Sexistische Verhaltensweisen als Machtdemonstration

Bild vergrößern
Sozialpsychologin Lea Hartwich: Sexuelle Belästigung passieren oft absichtlich.

In der #Metoo-Debatte geraten die Kategorien von Sexismus, sexueller Belästigung und gar Vergewaltigung immer wieder durcheinander. Doch das bilde nicht die Realität ab, sagt Lea Hartwich, Sozialpsychologin an der Universität Osnabrück. Studien zeigten, dass Männer und Frauen sich sehr einig darüber sind, was Belästigung ist, was sexistisch ist und was nicht. "Das heißt, dass diese Verunsicherung, die die #Metoo-Debatte kritisieren soll, in den wenigsten Fällen tatsächlich eine Verunsicherung ist", sagt Hartwich. Häufig passierten sowohl sexuelle Belästigung als auch sexistische Verhaltensweisen absichtlich und seien schlicht eine Machtdemonstration oder ein Austesten der Grenzen dessen, was man sich gegenüber Frauen erlauben kann.

"Bedrohung durch Stereotype"

Bei Sexismus ginge es nicht immer nur um etwas Sexuelles, aber immer um Macht, so Hartwich. "Strukturell ist es so, dass Sexismus patriarchale Strukturen aufrechterhält. Dadurch dass Stereotype weiterhin aktiviert werden, gibt es einen Kreislauf, in dem sie sich selber bestätigen." Die Psychologie spräche hier von der "Bedrohung durch Stereotype". Wenn man Frauen beispielsweise daran erinnere, dass sie angeblich schlechter in Mathe seien, dann zeige sich in darauffolgenden Tests, dass sie tatsächlich schlechter abschneiden. Oder dass sie keinen Nagel in die Wand hauen können, dass sie kein Unternehmen führen können.

Wenn der Fahrlehrer doofe Sprüche macht

Eine typische Situation für das Machtgefälle der Geschlechter ist die zwischen Fahrlehrer und junger Fahrschülerin. Fiona Weber erinnert sich sechs Jahre später in Zeiten der #Metoo-Debatte wieder an anzügliche Sprüche über Schaltknüppel und Antibabypillen vor der Fahrstunde. Am Anfang der Diskussion dachte sie zunächst, sie sei noch nie sexistisch behandelt worden. "Als ich dann darüber nachgedacht habe, sind mir wahnsinnig viele Situationen eingefallen, wo Männer tatsächlich eine Grenze überschritten haben", sagt Weber. Anscheinend seien solche Situationen so alltäglich, dass sie sie schon gar nicht mehr als außergewöhnlich wahrnehme.

Dem Fahrlehrer hat sie damals kein Kontra gegeben. Eigentlich empfand sie trotz Ekel vor allem Mitleid, sagt sie heute: "Das mischt sich ja manchmal, dass jemand doofe Sprüche macht und man gleichzeitig denkt: 'Oh Mann, du bist halt echt einfach eine arme Wurst! Warum machst du mich als 25-Jährige mit so widerlichen Sprüchen an, während deine Frau in der Fahrschule sitzt und Kontoauszüge abheftet?!'"

Weitere Informationen

Die Nebenwirkungen der #MeToo-Debatte

09.02.2018 10:55 Uhr

Die seit Monaten andauernde #MeToo-Debatte hat längst eine neue Wendung genommen. Mittlerweile geht es um Kunstfreiheit - und Alltagskultur zwischen Männern und Frauen. mehr

#MeToo: "Hoffentlich führt es zu Veränderungen"

01.02.2018 15:55 Uhr

Schauspielerin und Regisseurin Karoline Herfurth - derzeit als "kleine Hexe" im Kino zu sehen - kennt das Filmgeschäft. Grenzüberschreitungen gebe es nicht nur dort, sagt sie. mehr

"Time" kürt Frauen hinter der #MeToo-Bewegung

06.12.2017 18:20 Uhr

Donald Trump war in der engen Auswahl, genauso wie Kim Jong Un. Statt dieser Machthaber hat das Time Magazin eine Bewegung ausgewählt, die sich gegen Machtmissbrauch wendet: MeToo. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 13.02.2018 | 07:20 Uhr

Mehr Nachrichten

02:37
Hallo Niedersachsen

Debatte um Belagerung von Polizistenhaus

21.05.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
01:40
Hallo Niedersachsen

Nervenkrieg um verschleppte Kinder in Tunesien

21.05.2018 19:30 Uhr
Hallo Niedersachsen
01:56
Hamburg Journal

Pfingsten: Warmes Wetter und viel Verkehr

21.05.2018 19:30 Uhr
Hamburg Journal