Stand: 06.05.2019 17:24 Uhr

Artenschutz ist vor allem eine soziale Frage

Etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten sind nach einem UN-Bericht vom Aussterben bedroht. Viele von ihnen könnten bereits in den nächsten Jahrzehnten verschwunden sein, teilte der sogenannte Welt-Biodiversitätsrat in Paris mit. Die Wissenschaftler fordern, die Natur besser zu schützen. Der Mensch zerstöre seine Lebensgrundlagen. Der Vorsitzende des Biodiversitätsrats, Watson, sagte, noch sei es nicht zu spät für Gegenmaßnahmen. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) bezeichnete den Report als Weckruf. Sie forderte ein weltweites Artenschutz-Abkommen ähnlich wie beim Klimaschutz. Für den Bericht haben rund 150 Experten aus 50 Ländern drei Jahre lang Tausende Studien und Dokumente zusammengetragen.

Ein Kommentar von Korinna Hennig, NDR Info

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Korinna Hennig meint, dass alle einsehen müssen, dass Artenschutz vor allem eine soziale Frage ist.

Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“: Was für ein niedlicher Kalenderspruch das doch in den achtziger Jahren noch war - Lichtjahre entfernt von den sehr konkreten Endzeitszenarien, die der Weltbiodiversitätsrat heute vorgelegt hat. Jede achte Art vom Aussterben bedroht: Das Tempo, in dem die Artenvielfalt zurückgeht, toppt jede Horrormeldung aus dem Klimaressort.

Es ist der große kapitalistische Hunger nach Mehr, der unseren Planeten ganz dicht an die Grenze seiner maximalen Belastbarkeit bringt - immer mehr Konsum für immer weniger Geld. Deshalb ist die Botschaft des Weltbiodiversitätsrates gar nicht so sehr eine ökologische, sondern eine wirtschaftliche. Das ewige Mantra vom Wachstum, von der Notwendigkeit, den Ertrag, den Gewinn, die Reichweite zu steigern, muss durchbrochen werden. "Wir müssen wettbewerbsfähig bleiben" - mit diesem Totschlagargument wird noch fast jeder Ansatz für einen konkreten Ausstieg aus dem nachhaltigkeitsfeindlichen Wachstumskarussell plattgemacht. Es ist scheinheilig, auf die reaktionäre Einstellung des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro zum Regenwald zu zeigen, solange wir Verbraucher unser Schnitzel weiter für zwei Euro haben wollen, und das am besten jeden Tag - und solange die Politiker der westlichen Industrienationen sich nicht dazu durchringen, selbst ein Stückchen weiter als nur bis zur Tischkante zu denken. Die Wirkung aller regionalen und nationalen Maßnahmenpakete verdunstet schon in dem Augenblick, in dem die Gelder ausgeschüttet werden - solange im Büro gleich nebenan weiterhin Subventionen im großen Stil abgezeichnet werden, die das Gegenteil bewirken. Minister verhakeln sich im Klein-Klein werbewirksamer Maßnahmen auf Projektebene; im EU-Streit um ein einzelnes Pflanzenschutzmittel, der endlose Arbeitsstunden bindet.

Stattdessen müssen alle einsehen, dass Artenschutz vor allem eine soziale Frage ist. Wer von der Hand in den Mund lebt, wird Felder nicht nachhaltig bewirtschaften können. Wer von der Hand in den Mund lebt, wird nicht nachhaltig einkaufen. Und: Die Politik muss anfangen, Dinge zusammenzudenken. Also: nicht allein mehr Naturschutzgebiete schaffen – sondern auch herausfinden, wie man Flächen für beides gleichzeitig nutzen kann, für die Landwirtschaft und die Natur. Gerade kürzlich erst hat ein internationales Forscherteam festgestellt, dass die Weltgemeinschaft ein Fünftel Ertragssteigerung mit fast zehn Prozent Artensterben bezahlt - durch Pestizide, Überdüngung, Monokulturen, den Einsatz effizient arbeitender Landmaschinen.

Man kann Geld nicht essen, aber man kann Dinge damit so übersetzen, dass auch die hartleibigsten Lobbyisten sie verstehen. Eine letzte Zahl: Ernteausfälle im Wert von fast 580 Milliarden US-Dollar drohen allein durch das Insektensterben - pro Jahr. Nimm das, Weltgemeinschaft!

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 06.05.2019 | 18:30 Uhr

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