Martin Spieß geht unter einer Brücke © Noack-Fotografik

"wasfüreinjahr..." mit Martin Spieß

Stand: 14.12.2020 15:24 Uhr

Der Schriftsteller, Musiker und Comedian Martin Spieß aus Hannover mit seinem persönlichen Jahresrückblick im Fragebogen-Interview.

Im Rückblick: Was war 2020 für ein Jahr für Sie?

Ein durchwachsenes: Auf der einen Seite bin ich mit meiner Freundin zusammen in eine wunderschöne Wohnung gezogen. Auf der anderen Seite habe ich keines der künstlerischen Projekte umsetzen können, die für 2020 geplant waren: das vierte Album meines Indierock-Soloprojekts "Vorband" fertig schreiben, aufnehmen und veröffentlichen, das vierte Album meines Comedy-Duos "Das Niveau" schreiben sowie mein sechstes Buch (meinen dritten Roman) fertig überarbeiten.

Was ging für Sie wegen Corona auf einmal nicht mehr?

Vor allem Live-Auftritte gingen nicht mehr. Anfang März war "Das Niveau" für zehn bis zwölf Gigs als Support angefragt, und nach dem ersten Gig kam der Lockdown.

Und was haben Sie dann stattdessen gemacht?

"Das Niveau" hat einen Live-Podcast gemacht, bei dem die Hörer*innen uns zeitgleich in einem Telegram-Chat Fragen und Kommentare schicken konnten. (Das war, bevor Attila Hildmann, Xavier Naidoo und Michael Wendler da so freigedreht sind, by the way.) Der Podcast war lustig, weil beinahe wie eine Show von uns, nur eben online.

Und ich habe regelmäßig Wohnzimmerkonzerte gestreamt. Vor Corona bin ich zu Leuten nach Hause gefahren und habe dort für Freund*innen und Familie dieser Leute ein Konzert gespielt. Das ging jetzt nicht mehr. Also habe ich mich in mein Wohnzimmer gesetzt und mit meinem Smartphone gestreamt. Und wo es bei den klassischen Wohnzimmerkonzerten die Gage war, habe ich den Konzerten in meinem Wohnzimmer meine PayPal-E-Mail-Adresse eingeblendet und gesagt: "Wer mag, darf mir gern was in den virtuellen Hut schnippen."

Welches Buch oder welche Musik oder was sonst hat Sie in dieser Zeit richtig froh gemacht und aufgebaut?

So cheesy das klingt: meine Freundin und meine Freund*innen. Plötzlich ganz ohne soziale Kontakte zu sein, das war hart. Mit meiner Freundin zusammen zu wohnen und regelmäßig mit Freund*innen zu skypen hat geholfen.

Und Musik natürlich auch: Was wegen Corona (auch) nicht mehr ging, war, mit Freund*innen Samstagvormittags auf dem Flohmarkt am Hohen Ufer nach Platten zu stöbern. Also habe ich online bei Rockers, meinem Plattenladen des Herzens, und bei anderen Online-Shops neue und gebrauchte Schallplatten gekauft. Durch die Zeit geholfen haben mir dabei vor allem "Gourmet", ein Album von Dennis da Menace und Brous One, "Cuz I love You" von Lizzo und ziemlich viele Sachen von Ennio Morricone, der ja im Juli starb. Vor seinem Tod besaß ich eine Vinyl ("Spiel mir das Lied vom Tod"), jetzt sind es fünfzehn - das ist zugegebenermaßen etwas eskaliert. Außerdem "Beyond Traits" von Black Bear Basement, die ich durch einen Freund kennengelernt habe: das ist eine Jazz-Hip-Hop-Band hier aus Hannover, die instrumentale Beats mit Xylophon und Sax mischt. Der langen Rede kurzer Sinn: Hätte es all diese großartigen Menschen und diese fantastische Musik nicht gegeben, wäre 2020 ein sehr viel düsteres Jahr gewesen als ohnehin schon.

Was hat die Zwangspause durch Corona für Sie Positives gebracht?

Wieder mal die Erkenntnis, dass ich ziemlich tolle Fans habe. Denen hat das Live-Musik-Erlebnis genauso gefehlt wie mir, entsprechend dankbar waren sie, wenn ich Konzerte gestreamt habe - und entsprechend großzügig waren sie beim Hutgeld. Das war in diesem künstlerisch sonst so mäßigen Jahr wirklich ein schönes Gefühl.

Wie optimistisch schauen Sie auf 2021?

Ich versuche, vorsichtig optimistisch zu sein. Genau wie viele andere Künstler und Künstlerinnen unter meinen Kolleginnen und Kollegen und Freundinnen und Freunden kann ich nicht von der Kunst leben, sondern muss andere Dinge machen - in meinem Fall sind es Übersetzung, Lektorat und Korrektorat. Corona macht die finanzielle Zukunft noch ein wenig düsterer, was mich dazu animiert, alles an Brotjobs zu machen, was sich mir bietet - ganz nach dem Motto: Was man hat, hat man. Allerdings habe ich dadurch noch weniger Zeit für die Kunst als ohnehin schon. 2021 werde ich außerdem 40, und bei dieser Zahl wird das schlechte Gefühl, nicht genug Zeit für die Kunst zu haben, nur umso präsenter. Da tauchen dann existenzialistische Fragen auf: Wie viel Zeit bleibt mir noch? Wie lange habe ich noch die Kraft, das so zu machen, wie jetzt? Klappt es nochmal irgendwann mit der Kunst? Das steigert nicht gerade die Produktivität ;)

Und sonst so?

Wir sind ja hier bei NDR Kultur. Wenn also eine vermögende Reederei-Witwe aus Blankenese oder ein kunstaffiner Industrieller a.D. zuhört beziehungsweise mit liest: Ich freue mich über eine*n Mäzen*in ;)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 21.12.2020 | 07:20 Uhr

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