CD-Cover "Mary's Ideas" von der Umlaut Big Band © Umlaut Records

Die Frau, die über Grenzen ging

Stand: 09.12.2021 13:24 Uhr

So ist eine der herausragenden Frauen des Jazz tatsächlich neu zu entdecken. Und das reiche Erbe der Mary Lou Williams ist doch nicht vergessen.

von Michael Laages

Mutig war sie wie kaum jemand sonst: Mary Lou Williams ging 1977 auf die Idee von Norman Granz ein, ein Duo-Konzert mit dem wilden Free-Jazz-Einzelgänger Cecil Taylor aufzunehmen – in der New Yorker "Carnegie Hall"! Was die beiden einander musikalisch zu sagen hatten (und was nicht), ist auf einer Live-Doppel-LP nachzuhören. Es ist vielleicht eines der speziellsten Jazzdokumente überhaupt. Im Jahr darauf spielte die Pianistin, Komponistin und Arrangeurin für den US-Präsidenten Jimmy Carter (der, wie sie selbst, aus Georgia stammte), war zu Gast beim 40-Jahre-Jazz-Jubiläum von Benny Goodman und gab das letzte große Solo-Konzert in Montreux. Mary Lou Williams gehört zu den Legenden des Jazz.

Fast vergessen?

Aber das Williams-Werk ist heutzutage, 111 Jahre nach ihrem Geburtstag (und übrigens auch im Jahr des 40. Todestages) viel zu wenig bekannt. Dabei war sie die womöglich wichtigste Persönlichkeit im Übergang zwischen Tradition und Moderne – aufgewachsen vor allem mit der Musik von Duke Ellington, zu dessen früher Band "The Washingtonians" sie gehörte. Mit dem Durchbruch bei den "Twelve Clouds of Joy" um Bandleader Andy Kirk und oft auch in Ensembles von Earl Hines, Jimmy Dorsey und Benny Goodman, näherte sie sich vom vertrauten Swing aus den prägenden Figuren des Umbruchs hin zum Bebop: Dizzy Gillespie vor allem (mit dessen Frau Lorraine sie befreundet war) oder den Klavier-Kollegen Bud Powell und Thelonious Monk.

Katholische Messen

Nachdem sie Mitte der 1950er Jahre zum Katholizismus konvertierte, ließ sie für ein paar Jahre Jazz Jazz und Klavier Klavier sein. Stattdessen schrieb sie nur noch Messen für die Kirche, 1963 etwa "Black Christ of the Andes" – die Aufnahme erschien bei MPS im Schwarzwald. Die vierzehn Musikerinnen und Musiker der "Umlaut Big Band" aus Paris, geleitet von Pierre-Antoine Badaroux, erkunden jetzt das komplette Williams-Werk auf einer opulenten Doppel-CD. Sie besteht aus 40 Titeln, die zu großen Teilen noch nie aufgenommen wurden - oder unvollendet blieben, wie ein großes Orchesterwerk.

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Saxophone mit CD © fotolia.com Foto: ThorstenSchmitt, jasoncphoto

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"Mary's Ideas"

Genre:
Jazz, Bigband, Swing
Zusatzinfo:
Label:
Umlaut Records
Veröffentlichungsdatum:
17.12.2021
Preis:
17,99 € €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Play Jazz! | 13.12.2021 | 22:35 Uhr