CD-Cover des Albums "Cairn"  Foto: Edition Records

Fergus McCreadie: Torf-Jazz vom jungen schottischen Pianisten

Stand: 29.01.2021 13:02 Uhr

Er ist ein Lyriker mit Sinn für Melodien und die Geschichte seiner Stücke. Der Pianist präsentiert mit "Cairn" sein zweites Album mit Bassist David Bowden und Drummer Stephen Henderson.

von Ralf Dorschel

Stein für Stein schichtet Fergus McCreadie seinen "Cairn" auf, sein Hügelgrab. Jeder Stein ist anders und jeder ist Teil dieses Projekts: Einer fürs Cover der Schallplatte, einer für die CD, je einer für die Singles. Der junge Pianist hat die Highlands durchstreift – auf der Suche nach diesen Steinen, aber auch dem Atem dieser glazialen Landschaft: McCreadie sieht sich erstmal als Folkmusiker, sein erstes Instrument war der Dudelsack – dabei half sicher, dass sein Heimatstädtchen Dollar eine Hochburg der Bagpipes ist. "Die Noten sind schottisch, aber der Ansatz ist Jazz", so sagt er über seinen Sound – und hier kommt dann sein Trio mit dem Bassisten David Bowden und dem Drummer Stephen Henderson ins Spiel. Auf der Musikhochschule sind die Musiker sich begegnet, spielen seit Jahren zusammen – eine dieser unzertrennlichen Einheiten, wie sie den Piano-Jazz seit Jahren und Jahrzehnten prägen.

Es sind die naheliegenden Helden aus Übersee, die das Trio beim Studium lieben lernte: Bill Evans fürs Lyrische, Oscar Peterson fürs Virtuose. Aber eben auch Keith Jarrett, Fred Hersch und Brad Mehldau. Weil die drei Legenden eine Geschichte zu erzählen vermögen, so McCreadie. Und solche Geschichten sind es, die ihm am Herzen liegen. Und eben der Folk: Dass der nicht als derbes Tanzspektakel daher kommen muss, hat McCreadie beim Besuch eines Konzertes von The Gloaming erlebt: Die keltischen Promi-Leisetreter nehmen die alten Jigs und Reels und sezieren sie mit fast schon kammermusikalischer Finesse. Für McCreadie wurde das ein ganz wichtiger Ausgangspunkt seiner Kunst. Ein anderer liegt ein Meer weiter östlich: Wie Jan Garbarek und Arild Andersen norwegische und samische Folklore in ihren Jazz einbanden, wie sie Hirtenlieder in Blue Notes verwandelten und den europäischen Jazz so in der eigenen Scholle erdeten, wo doch die US-Legenden den Blues als Bezugspunkt hatten – das war genau die Inspiration, die dem Trio noch fehlte.

Vielversprechender Jazzpiano-Nachwuchs

"Cairn" ist McCreadies zweites Album, untergeschlüpft ist er mittlerweile beim ebenso rührigen wie geschmackssicheren britischen Label Edition Records. Nachwuchs am Jazzpiano, jetzt schon mit Preisen dekoriert und von britischen (und vor allem schottischen!) Medien als kleine Sensation verkauft. Was wir ihm gerade deshalb wünschen, weil McCreadie so leise, fast verzagt daher kommt: Ein Lyriker mit Sinn für Melodien und die Geschichte seiner Stücke. Und für den Atem der Highlands: Wer Fjord-Jazz mag, wird diesen Torf-Jazz lieben.

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Saxophone mit CD © fotolia.com Foto: ThorstenSchmitt, jasoncphoto

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Cairn

Genre:
Jazz
Zusatzinfo:
Label:
Edition Records
Veröffentlichungsdatum:
29.01.2021
Preis:
10,38 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Play Jazz! | 01.02.2021 | 22:35 Uhr