CD-Cover des Albums "Coming Yesterday - Live at Salle Gaveau 2019" © Challenge Records

Fulminanter Abschied von der Konzertbühne

Stand: 23.04.2021 12:25 Uhr

Aufhören, wenn's am schönsten ist? Oder erst, wenn die Kräfte nachlassen? Bisschen von beidem, so schreibt Martial Solal selbst über sein letztes Konzert.

von Ralf Dorschel

Wobei: Dass dies ein Schlussstrich werden würde, dass der Pianist anschließend nie wieder vor Publikum spielen würde, das war noch gar nicht klar, als Solal am 23. Januar 2019 die Bühne des Pariser Salles Gaveau betrat. Ein ehrwürdiger Konzertraum, gebaut vor gut 100 Jahren für Kammermusik und Solo-Klavier. Gebaut für jemanden wie Martial Solal. 91 war der Franzose damals und spricht im Begleittext von seiner lebenslangen Liebe zum Flügel - 70 Jahre nach seinem Debüt. Von seiner Beziehung zu diesem Instrument, von der Delikatesse, Brutalität und Energie, die es fordert. Und vom entscheidenden Preis: "Wenn die Energie nicht mehr da ist, hört man besser auf".

Mit lockeren Regeln

Solal hörte auf nach diesem Abend, weil der wirklich alle seine Energie gefordert hatte. Ein Solo-Abend war das - und vom Repertoire her eigentlich ein ziemlich typischer Solal-Abend: Ein Duke Ellington-Medley, ein paar Skurrilitäten wie "Happy Birthday" oder "Sir Jack" - Solals Blick auf das Kinderlied vom "Frere Jacques/ Bruder Jakob". Und dann die Standards "Tea for Two" und "Lover Man" und "My Funny Valentine". Vorwände seien die, so schreibt Solal. Herausforderungen und Aufsatzthemen - zu entwickeln in tausende von Richtungen, abhängig von dem, was in Deinem Kopf oder zwischen Deinen Mitmusikern vor sich geht: "Vorwände, um Ideen auszudrücken - aber mit lockeren Regeln".

Wild und zärtlich

Viele dieser tausende von Wegen ist Solal über die Jahre mit genau diesen Evergreens gegangen, im Salle Gaveau kamen nochmal neue hinzu. Solal spielt atonal, wild und frei, voller Ironie und Unberechenbarkeit - dann wieder zärtlich und mit einem milden Augenzwinkern. Ein Kraftakt, überwältigend, hellwach, old school und zugleich radikal modern und nach vorn gedacht in eine Zukunft des Jazz: Vom Grashalm spricht Solal, der an diesem Abend gesät wurde, und dessen Wuchs er gern weiter verfolgt hätte. Wäre da nicht der eigene unbedingte Anspruch ans eigene Schaffen. Und das Eingeständnis: "Große Freiheiten erfordern viel Arbeit. Ich habe meinen Teil getan". Dieser Abend der enormen Freiheiten bleibt jetzt als Martial Solals musikalisches Vermächtnis.

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Saxophone mit CD © fotolia.com Foto: ThorstenSchmitt, jasoncphoto

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Coming Yesterday – Live at Salle Gaveau 2019

Genre:
Jazz
Zusatzinfo:
Label:
Challenge Records
Veröffentlichungsdatum:
09.04.2021
Preis:
19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Play Jazz! | 26.04.2021 | 22:35 Uhr