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Ein Kammermusik-Hit von Helmut Lachenmann: Allegro sostenuto

Dienstag, 09. November 2021, 21:00 bis 22:00 Uhr

Der Komponist Helmut Lachenmann © picture alliance / dpa Foto: Bernd Weissbrod
Der Komponist und Kompositionslehrer Helmut Lachenmann im Porträt.

86 Jahre alt ist der Komponist Helmut Lachenmann, aber die Proben von "Kontrakadenz" mit dem HR Sinfonieorchester und die anschließende Aufführung beim NOW! Festival in Essen wollte er gern begleiten. Aus seinem Komponierhäuschen in Italien hat er Wildschweinpfeifen mit gebracht. In den Bergen am Lago Maggiore schützen sie ihn bei Spaziergängen im Wald vor den Angriffen der Muttersauen, in seiner "Kontrakadenz" sind sie Musikinstrumente wie Geigen und rollende Teller. Helmut Lachenmann steht Musikerinnen und Musikern auch 50 Jahre nachdem er das Werk komponiert hat, gern mit Tipps und Tricks und besonderen Spieltechniken zur Seite. "Ich hab dem Orchester gesagt, das Stück ist wie Jacques Offenbach, wie ein Marsch oder eine Polka. Es muss rhythmisch sein, aber mit ungewöhnlichen Spieltechniken. Neulich haben sie beim HR meine Oper gemacht, also die Mehrzahl von ihnen ist schon Lachenmann-erfahren, aber sie machen das ja nicht jeden Tag. Meine Anwesenheit war - glaube ich - schon nicht so nutzlos“, erzählt er Margarete Zander am Rande der Proben.

Habe ich falsch gehört?

"Habe ich falsch gehört?" fragt die Moderatorin und spricht Helmut Lachenmann auf einen Text zu "Kontrakadenz (1970/71)" an. Da schreibt Helmut Lachenmann "Was klingt, klingt nicht um seiner Klanglichkeit und deren struktureller Verwendung willen, sondern signalisiert den konkreten Umsatz der Energien bei den Aktionen der Musiker und macht die mechanischen Bedingungen und Widerstände spürbar, hörbar, ahnbar, mit denen diese Aktionen verbunden sind. " "Wo Sie von Widerstand schreiben", sagt Margarete Zander, "da habe ich in der Aufnahme mit dem Ensemble Modern Orchestra Enthusiasmus gehört. Habe ich ’falsch‘ gehört?"

"Ich glaub, Sie haben richtig gehört," antwortet Helmut Lachenmann amüsiert. "Das gehört dazu. Man muss auch mal einen erstickten Klang mit Leidenschaft gestalten und nicht einfach nur buchstabieren. Aber wissen Sie, das muss man lernen als Komponist und auch als Ausführender, dass es inzwischen Musik gibt, bei der die Spieler nicht einfach nur ihr erlerntes Repertoire nutzen können, sondern wo sie noch einmal in der Probe irgend welche Dinge lernen müssen, die sie an ihrem Instrument oder manchmal auch auf einem zusätzlichen Instrument ausführen sollen. Und all diese Dinge, die sollte man natürlich so enthusiastisch gestalten, wie man auch bei Schumann oder Brahms die Musik ohne solches Engagement eigentlich nicht hören sollte.Das ist eine Zumutung für das Orchester, aber das ist auch eine Art Zutrauen!"

Wahnsinns-Widerstände beim Auftragswerk des NDR

Ein Auftragswerk des NDR war "Klangschatten" für 48 Streicher und 3 Konzertflügel, das am 18. Dezember 1972 im Rolf-Liebermann-Studio uraufgeführt wurde. Noch in der CD-Aufnahme ist der Enthusiasmus der Musikerinnen und Musiker mit Händen greifbar. Ob das am Dirigenten Michael Gielen lag, der das Orchester des NDR für die außergewöhnliche Musik begeistern konnte? Helmut Lachenmann erinnert sich gut an die Situation: "Oh, da gab es Wahnsinns-Widerstände, da haben sie den alten Konzertmeister Bernhard Hamann, der auch mit Siegfried Palm ein Streichquartett hatte, zurückgeholt. Viele Junge, die vermutlich direkt von der Hochschule kamen, die haben erst mal nur gespottet, sie durften ja nie mal wirklich Geige spielen. Sie mussten Saiten runterknallen lassen, sie mussten diese "Trio fluidos" lernen, und das war alles nicht in ihrem Repertoire. Und der alte Mann - "alte Mann" - ich bin jetzt 86, der war damals vielleicht 70, der hat zu mir gesagt "Herr Lachenmann, geht das so oder geht das so?" Ich hab gesagt "So geht’s". Und er hat gesagt, "ja, und ihr, könnt ihr das nicht?" Im Grunde hat der alte Herr die Jungen nicht nur ermutigt, sondern aus ihrer Bequemlichkeit rausgelockt. Und dann haben sie das mit Gielen, der ein erbarmungsloser Prober war, sehr gut gemacht."

Und noch einer der Alten hat die Uraufführung damals gerettet: der Pianist Gerhard Gregor. "Er hat das perfekt gemacht, und auch er hat die Jungen provoziert "Wieso könnt ihr das nicht?!" Also das war eine unglaublich glückliche Situation!"

Nicht intellektuell erkalten

Das Komponieren macht nur Sinn, wenn man neue Wege geht - für sich und die Hörerschaft. "Diese Art, beim Hören sich selbst noch einmal neu zu entdecken", das ist das Faszinierende an der Neuen Musik für Helmut Lachenmann. "Es gab mal solche Hinweise, man soll wahrnehmen, lauschen, all die Mystifikationen dieses Prozesses. Ich sage: Beim Hören sollen wir mal beobachten und beobachten heißt nicht, intellektuell erkalten, sondern im Gegenteil, entdecken, was in so einem Stück die kreative Energie ausmacht. Und dann beobachtet man auch sich selbst dabei. Dann ist das Ganze ein unglaubliches intensives Erlebnis und in so einer Erfahrung - entweder wird man irritiert, man bekommt Angst oder man wird glücklich!"

Eine glückliche Stunde versprechen die Begegnungen mit Helmut Lachenmann und seiner Musik im Radio und im Konzertsaal zu werden. Keine Stunde in der Badewanne, sondern eine abenteuerliche Bergwanderung - wie Boglarca Pecze vom Trio Catch das Publikum charmant ‚vorwarnt‘.

Eine Sendung von Margarete Zander.

 

Das Programm

Helmut Lachenmann
Dal niente für Klarinette solo
Pression für Violoncello solo                        
Guero für Klavier (1970)                                
Allegro sostenuto für Klaviertrio 
Martin Suckling
Klaviertrio "Visiones" (nach Goya)

Mark Simpson Klarinette
Jean-Guihen Queyras Violoncello
Pierre-Laurent Aimard Klavier

Das neue werk am 23.11.2021 in der Elbphilharmonie

 

Weitere Informationen
Bildmontage: Jean-Guihen Queyras, Mark Simpson und Pierre-Laurent Aimard © Sim Canetty-Clarke / Marco Borggreve / Wiener Konzerthaus Foto: Sim Canetty-Clarke / Marco Borggreve / Julia Wesely

Klaviertrios: Helmut Lachenmann & Martin Suckling

Mark Simpson, Jean-Guihen Queyras und Pierre-Laurent Aimard spielen zeitgenössische Kammermusik im Kleinen Saal der Elbphilharmonie. mehr

Tasten eines Konzertflügels © NDR

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Die Sendung informiert über aktuelle Trends und Renaissancen in der zeitgenössischen Musik, präsentiert Komponistenporträts, Festivalberichte, CD-Tipps und mehr. mehr

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