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Wolfgang Rihm wagte den klangvollen Befreiungsschlag

Dienstag, 08. März 2022, 21:00 bis 22:00 Uhr

Der Komponist Wolfgang Rihm © picture alliance / dpa | Bernhard Schmit
Der Komponist Wolfgang Rihm © picture alliance / dpa | Bernhard Schmit
Wolfgang Rihm zählt zu den erfolgreichsten und etabliertesten Komponisten überhaupt. Am 13. März wird er 70 Jahre alt.

Seit seinem ersten öffentlichen Auftritt mit "Morphonie" 1974 bei den Donaueschinger Musiktagen löst Wolfgang Rihm heftige Diskussionen über die Entwicklung der Neuen Musik aus. Er öffnet Denkräume und bietet dabei selbst ein Vokabular an, auf dessen Grundlage alle mitreden können. Aus Anlass seines Geburtstages lassen wir heute enge Wegbegleiter zu Wort kommen, die ihre persönlichen Begegnungen mit Wolfgang Rihm beeindruckt und verwandelt haben.

Festivalintendanten lieben seine Anwesenheit

Als "eine Verbeugung vor Wolfgang Rihm" bezeichnet Markus Hinterhäuser die geplanten Rihm-Aufführungen bei den diesjährigen Salzburger Festspielen. Der Intendant ist glücklich, dass Wolfgang Rihm ihm als "Navigationssystem in diesem Festspieldschungel" so manches Mal intensiv zur Seite stand und erzählt begeistert, wie die Nähe zu Festspielpublikum und -akteuren wesentlich "zum Erfolg des 'Kontinents Rihm' 2009 beigetragen" hat. Die Anwesenheit von Wolfgang Rihm verändert die Menschen. Davon schwärmt auch Mark Sattler, Dramaturg des Lucerne Festivals. Wenn er mit Wolfgang Rihm Konzerte besucht - nicht nur mit Musik von Wolfgang Rihm, sondern auch mit Musik von Bruckner oder Strauss - dann ist es geradezu erhebend, weil "oft so ein glücklicher Mensch" neben ihm sitzt. "Wolfgang Rihm ist ein genialer Mensch", erklärt Mark Sattler, "der es schafft, die Leute in Gesprächen, in den Moderationen, in den Proben sich besonders fühlen zu lassen." Thorsten Schmidt, Gründungsintendant des Festivals "Heidelberger Frühling" erinnert sich gut, wie ihn die Ankündigung eingeschüchtert hat, dass Wolfgang Rihm eines der Konzerte des jungen Festivals besuchen würde. Das ist lange her. Heute sind die Erinnerungen mit wunderbaren Konzerten, höchst informativen und anregenden Gesprächen erfüllt und mit Geschichten beim "Bier danach".

Für die Choreografin Sasha Waltz war es besonders anregend, sich bei der Arbeit an "Jagden und Formen" der ungebremsten Energie der Musik auszusetzen. Sie erinnert sich gern, wie sie im gemeinsamen Arbeitsprozess noch einige weniger dichte musikalische Momente als Räume für die Tänzerinnen und Tänzer hinzugewinnen konnten.

Musikerinnen und Musiker und Komponierende

"I love him to death" strahlt Tyson Davis und spricht damit gefühlt für alle Teilnehmenden der Kompositionswerkstatt beim Lucerne Festival. Die chinesische Geigerin Tianwa Yang hatte noch nie etwas von der klassischen Musik unserer Zeit gehörte, bis sie in Karlsruhe weiter studierte, der Heimatstadt von Wolfgang Rihm, wo er seit 1985 an der Hochschule unterrichtet. Sie hat sofort eine emotionale Verbindung zu seiner Musik gespürt und liebt die Momente, wenn sie mit ihrer Geige auf der Bühne steht und das Gefühl für die Zeit verliert und ihre Geige nur noch singt.

Jörg Widmann war in der Kompositionsklasse von Wolfgang Rihm, als der Professor durch Zufall erfuhr, dass sein Schüler auch außerordentlich gut Klarinette spielt. Er hat ihn mit einem Konzert gleich hoch hinaus getrieben "Über die Linie II". Und man darf es durchaus als ein Zeichen einer besonderen Anerkennung des Talentes und einer tiefen Freundschaft verstehen, dass Wolfgang Rihm inzwischen mehr als 20 Werke für die Klarinette in verschiedenen Besetzungen komponiert hat. Dass der Posaunenpart in "Jagden und Formen" im Prinzip als "unspielbar" gilt, kann der Posaunist des Ensemble Modern Uwe Dierksen gut nachvollziehen. Er hat Pate gestanden, was nicht heißt, dass der Komponist es ihm leicht gemacht hätte. Es bedeutet eher, dass Wolfgang Rihm Entwicklungspotential im Instrument entdeckt hat. Der Posaunenpart wirkte auf den leidenschaftlichen Musiker "wie ein Weckruf, wo man fast philosophisch über sich und den Körper nachdenken muss."

Natürlich kommt auch Wolfgang Rihm in der Sendung zu Wort. Er spricht über "Hoffnungsaggregate" bei Studierenden und eigene "Erfindungsbehauptungen" die mit großem Freiheitsdrang das glühende Leben suchen: das, was ich ausdrücken will, auf den Weg zu bringen, dass es selbst beweglich ist, dass es von selbst gehen kann."

Eine Sendung von Margarete Zander.

 

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Tasten eines Konzertflügels © NDR

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