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100 Jahre Donaueschinger Musiktage

Dienstag, 12. Oktober 2021, 21:00 bis 22:00 Uhr

Wolfgang Rihm im Porträt © dpa Foto: Bernhard Schmitt

Am 31. Juli 1921 um 11.30 Uhr gab es in Donaueschingen das erste Konzert eines Festivals für Neue Musik. Im Laufe der Jahre wurden daraus die "Donaueschinger Musiktage" - so heißen sie seit 1971. Der Musikwissenschaftler Simon Obert schöpft aus dem Vollen, wenn er über die ersten sechs Jahre, die "Goldene Zeit" erzählt, in der die ersten Festivals stattfanden und das Festival sein starkes Profil bekam.

Gutes Händchen bei der Komponistenauswahl

Der Pianist Willy Rehberg brachte damals den Kapellmeister und Archivar des Fürsten Max Egon II. zu Fürstenberg Heinrich Burkard auf die Idee für ein Festival zur Förderung junger Komponisten. Schon im ersten Jahr bewies das Kuratorium ein gutes Händchen bei der Auswahl. Aus den 650 Einreichungen für die Teilnahme im ersten Jahr wählte man Alban Berg, Alois Hába, Paul Hindemith, Philipp Jarnach und Ernst Krenek - alles Namen, die über die kommenden Jahre das Konzertleben mit prägen sollten.

Während des zweiten Weltkrieges setzen sich auch in Donaueschingen nationalsozialistische Töne durch. Als es 1950 unter der Verantwortung des Südwestfunk zu einem Neustart kam, besann man sich auf die ersten, die "goldenen Jahre" zurück. Simon Obert hat ein Buch mit herausgegeben und erzählt uns von den Kapriolen der Geschichte. Einen weiteren Blick hinter die Kulissen gewährt uns der Komponist Wolfgang Rihm.

Wolfgang Rihm über Hilda Dianda und Luciano Berio

Wolfgang Rihm im Porträt © dpa Foto: Bernhard Schmitt
Wolfgang Rihm ist Komponist, Professor für Komposition und Autor zahlreicher Bücher.

Der Komponist war mit 16 Jahren zum ersten Mal in Karlsruhe. Er erinnert sich heute noch gut an die Komponistin Hilda Dianda aus Argentinien, von der 1969 ein Werk uraufgeführt wurde, und an die wunderbare Aufführung von Luciano Berios Sinfonia. Die fünfsätzige Fassung wurde damals von den Swingle Singers - Backgroundsängerinnen und Sängern aus der Popmusik - mitgestaltet.

Lydia Rilling wird neue Festivalleiterin ab 2022

Wolfgang Rihm erzählt, wie er seine ersten Aufträge bekam und wir erfahren, welche Rolle die Festivalleiter für Komponierende haben. Seitdem der SWR die Verantwortung für das Festival trägt, wurde der Schwerpunkt auf Orchesterwerke gelegt. Und so gibt es jeweils zwei große Orchesterkonzerte mit dem SWR Sinfonierchester, wovon eines in der Regel das Festival abschließt. Nach 1950 hatten Heinrich Strobel (20 Jahre), Otto Tomek (5 Jahre), Josef Häussler (17 Jahre), Armin Köhler (22 Jahre) und Björn Gottstein (8 Jahre) die Verantwortung. Ab dem 1. März 2022 wird es erstmals eine Festivalleiterin geben: Lydia Rilling. Was es im Alltag bedeutet, Festivalleiter oder -leiterin zu sein, erzählt die leitende Redakteurin beim SWR Lydia Jeschke, die als Praktikantin bei Armin Köhler angefangen hat.

Neues Buch über die Entwicklung der Donaueschinger Musiktage

Nachlesen können Sie die Details über die Entwicklung der Donaueschinger Musiktage in dem Buch "Gegenwärtig. 100 Jahre Neue Musik. Die Donaueschinger Musiktage", das am 12. Oktober beim Henschel Verlag veröffentlicht wird. Herausgegeben haben es der aktuelle Leiter der Donaueschinger Musiktage Björn Gottstein und der Redakteur für Neue Musik beim SWR Michael Rebhahn. Den Auftrag bekamen sie von der Gesellschaft der Musikfreunde, namentlich Friedemann Kawohl und Andreas Wilts.

CD-Dokumentationen zum Nachhören und Kennenlernen

Ein besonderes Juwel sind die Dokumentationen der aufgeführten und vom SWR mitgeschnittenen Konzerte auf CD. Dabei kann man mit den Ohren und in den Begleittexten stöbern, hängen bleiben und die Musik immer wieder hören. Das macht richtig Freude. Man staunt, welche Werke bei den Donaueschinger Musiktagen uraufgeführt wurden: Ligetis "Atmospheres", Lachenmanns "Schwankungen am Rand", Ferneyhoughs "Time and Motion Study" und auch Strawinsky und Schnittke waren vertreten. Die Lust auf das Unbekannte wird größer und man wird neugierig aufs Hören, wenn man liest, dass das Publikum die Serenade op. 24 von Arnold Schönberg im Jahre 1924 - sein erster Versuch, Musik aus einer Reihe mit zwölf aufeinander bezogenen Tönen zu entwickeln - mit Riesenbeifall honoriert hat.

Vom 14.-17. Oktober wird bei den Donaueschinger Musiktagen 2021 gefeiert: mit Uraufführungen, die wie Seismographen unsere Zeit reflektieren und in die Zukunft weisen.

Eine Sendung von Margarete Zander.

 

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Tasten eines Konzertflügels © NDR

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Die Sendung informiert über aktuelle Trends und Renaissancen in der zeitgenössischen Musik, präsentiert Komponistenporträts, Festivalberichte, CD-Tipps und mehr. mehr

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