Installation von Yayoi Kusama © picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm Foto: Wolfgang Kumm

Die Welt der Yayoi Kusama: Dem Denken eine neue Chance geben

Stand: 29.04.2021 17:16 Uhr

Die 92-jährige Künstlerin Yayoi Kusama ist für ihre "Polka Dots" berühmt. Wegen psychischer Probleme lebt sie seit langem in einer psychiatrischen Klinik. Über die Welt der Punkte von Yayoi Kusama.

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
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von Claudia Christophersen

Yayoi Kusama trägt eine signalrote Perücke, ist 92 Jahre alt und keineswegs mit ihrem Latein am Ende. Alle zwei, drei Tage malt sie ein Bild. Es ist der Schaffensdrang einer Künstlerin, die nicht müde wird, ihre sensiblen Antennen auszufahren, um die Welt zu ertasten.

Sie nimmt alles auf, das Rauschen, den Sound, nervöse Schwingungen. Ihre fragile Psyche ist dazu in der Lage. Ernsthaftigkeit strahlt ihr waches, weiches Gesicht unter den leuchtend roten Haaren aus. Ihre Kunst: bewegte Netzmuster, krakenhafte Schlingen und immer wieder Punkte. "Polka Dots" sind das Markenzeichen der Künstlerin. Jeder Mensch sei ein Punkt im Universum, sagt Kusama.

Durch Punkte werden Yayoi Kusamas Augen klarer

Punkte, unzählige, machen den Blick unscharf, entfalten eine flirrende Sogwirkung. Trotzdem: "Wenn ich Punkte sehe, werden meine Augen klarer." Auf der Biennale in Venedig 1966 trägt Kusama einen knallroten Körperanzug, schwimmt in einem Meer von über tausend Metallkugeln. Kugeln sind rund wie ihre Punkte. Kugeln sind nur bedingt kontrollierbar, tanzen in die eine oder andere Richtung und bringen stabile Lagen ins Wanken. Sich spiegelnde Erlebnisräume, bepunktet, mit farbiger Ornamentik - das ist der Kosmos von Kusama.

Ende der 50er Jahre ging die Japanerin nach New York, hat sich dort mit ihren Arbeiten, aber auch mit ihren gesellschaftlichen Protesten, Antikriegs- und Gleichstellungshappenings in der Szene einen Namen gemacht. Yayoi Kusama wurde berühmt, Andy Warhol war begeistert, und heute sind Werke von ihr mehrere Millionen Dollar teuer.

Die Pandemie: nie gekannte, ungewohnte Sphären

Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann
Claudia Christophersen zieht Parallelen zwischen der aktuellen Pandemie und der Kunst von Yayoi Kusama.

Jetzt gerade wird die Pop-Artartistin in Berlin gefeiert mit einer gigantischen Retrospektive im Gropius Bau, die erste so umfangreiche Ausstellung in Deutschland. Digital wurde sie eröffnet, digital ist sie zu sehen. "Polka Dots" gespiegelt, in unendlichen Weiten. Im Lichthof, eigens für den Gropius Bau gemacht, eine riesige Installation: 16 Tentakel, die bis zu elf Meter hochgreifen, alles in Pink und Punkten. Kusama saugt den Betrachter in ihre Welt, schafft Verwirrung und zugleich Klarheit.

Diesen Zustand kennen wir seit über einem Jahr auch im Kollektiv nur zu gut. Die Pandemie zieht hinein in nie gekannte, ungewohnte Sphären. Und deshalb kommt Kusamas Kunst zum genau richtigen Zeitpunkt. Menschen sind coronamüde, Nerven angespannt. Die Politik ist im Dauer-Hick-Hack-Modus. Corona-Regeln so, Corona-Regeln anders. Gladiatorenkämpfe um die Kanzlerkandidatur, mal fassadenfriedlich, dann reuig uneins.

"Polka Dots" können unser Innenleben aus den Bildschirmen berühren

Da lockt Kusama ihr Publikum mit grellen, freundlichen Farben, runden, schwungvollen Formen. Und mit der philosophischen Sehnsucht, den roten Faden in alldem ungewohnten Gewühl nicht nur zu suchen, sondern auch zu finden.

Nur zu gern würde man das Farben- und Formengewitter von Kusama an Ort und Stelle auf sich regnen lassen. Geht nicht. Was geht und immer besser wird: die Kunst im Cyberspace hat den Kontakt mit dem Irdischen aufgenommen. "Polka Dots" können unser Innenleben auch aus den Bildschirmen berühren.

Yayoi Kusama im TV

Am 2. Mai um 23.05 Uhr berichtet ttt - titel, thesen, temperamente im Ersten über Yayoi Kusamas Ausstellung.

 

Weitere Informationen
Stephanie Pieper, Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur | NachGedacht | 30.04.2021 | 10:20 Uhr

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