Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann

Wie viel Charisma braucht Politik?

Stand: 24.09.2021 05:00 Uhr

Endlich! Am Sonntag ist Wahltag, das Klagen über ausstrahlungsarme Kandidaten findet ein Ende. Aber vorher denkt Ulrich Kühn noch schnell über fehlendes Charisma nach.

von Ulrich Kühn

Der Schriftsteller Joachim Lottmann hat sich auf die Socken gemacht, um die Drei, die fürs Kanzleramt kandidieren, aus der Nähe zu besichtigen. In der Zeitung "DIE WELT" hat er davon berichtet, in Form von gewitzt-gehobenem Klatsch mit dezent literarischem Touch. Seltsame Dinge will er erlebt haben. So seien ihm, als er im Stehen einer Wahlkampfrede von Olaf Scholz lauschte, die Füße eingeschlafen. Erstaunlich für einen "Pop-Literaten", seinen Füßen hätte man zugetraut, aus Erfahrung wach zu bleiben, wenn ermüdende Klänge ertönen.

Das Phänomen der politischen Charisma-Aneignung

Lottmanns Stand-Nickerchen spielt uns aber die Frage zu, wie viel Charisma wir eigentlich von Politikern erwarten wollen. Wenn Obama die Bühne erklomm, zauberte er sich, so wirkte es aus der Ferne, in eine leuchtende Hülle hinein, die er danach vielleicht von sich warf wie ein durchgeschwitztes Hemd. Und wer im empfänglichen Alter war, als Schröder den ewigen Kohl ablöste, konnte sich dabei ertappen, als Möchtegern-Mini-Kanzler das Kinn einen halben Meter vorzuschieben, um das Wolfslächeln zu üben. Das führt uns zwanglos zum jungen Phänomen der politischen Charisma-Aneignung.

Diese Spezialvariante kultureller Aneignung hat es in sich, man könnte Bände über sie schreiben. Wahrscheinlich haben alle, die diesmal kandidieren, probiert, sie irgendwie hinzubekommen, als sie, naturgemäß zum Scheitern verurteilt, tapfer Authentizität spielten, was ja ein herrlicher Widerspruch in sich ist. Aber wir haben nur wenig Platz, also bleiben wir einfach bei Scholz. Im Straßenbild sind ja kaum Mini-Scholze aufgefallen, die zum Beispiel scholzesk federnd joggten, obwohl man weiß, dass Scholz wie weiland Fischers Joschka gern läuft. Es liegt vielleicht daran, dass, wer jetzt kandidiert, auf hausgemachtes Jogging-Charisma besser verzichtet, um fremde Rezepte nachzubacken.

Also hat sich Scholz Merkels Raute geliehen. Ein cleverer Charisma-Transfer! Bisher war es nicht verstanden worden, weil es niemand bemerkt hat: Die Deutschen sind Merkels unermesslich unbändigem Charisma erlegen, bestehend aus Raute, einzigartiger Null-Rhetorik mit in Halbschräglage verendenden Sätzen und gelegentlichem Aufblitzen-Lassen der dahinter verborgenen Intelligenz in geschickt dosiertem verschmitztem Lächeln. Das Merkel-Charisma hat als anti-charismatisches Einschläferungs-Charisma der niemals Schlafbedürftigen das Phänomen Charisma neu definiert.

Ein Hauch Verführung

Dahinter kann jetzt keiner zurück. Dies zu verstehen ist wichtig in einer Wahlgesellschaft, die an die überwältigende Verführungskraft Einzelner nicht mehr gewöhnt ist. Gut so, könnte man sagen. Wer je in den klugen Büchern des Historikers Ian Kershaw geblättert hat, weiß, dass sich mit Max Webers Theorien zur charismatischen Herrschaft selbst über Hitler erschreckend Erhellendes sagen lässt. Kein Mensch von Verstand wünscht sich das zurück.

Aber müssten wir wirklich protestieren, wenn in den fürs Kanzleramt kandidierenden Vernunftmenschen ein Fünkchen Macron steckte, ein Häuchlein Brandt, ein Döschen Michelle Obama? Sollen nur im Auftritt unscheinbare mittelgroße Herren oder mit balsamischem Stimm-Klang nicht überreich beschenkte Damen kanzlerabel sein? Jetzt gehen wir erst mal vernünftig wählen, klar. Aber wenn Merkel im Dezember oder März der neuen Regierung die Abschiedsraute macht - dann schauen wir uns heimlich um. Irgendwo im Land verstecken sich strahlende, fesselnde und zugleich kompetente Menschen, die selbst Lottmanns Füße wecken - demokratisch durch und durch und doch dezent charmant charismatisch. Was soll schlecht daran sein? Man will doch auch ein bisschen verführt werden dürfen.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 24.09.2021 | 10:20 Uhr

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