Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Was bleibt aus dieser pandemischen Zeit?

Stand: 04.06.2021 06:00 Uhr

Darf denn jetzt mal die Hoffnung auf bessere Zeiten steigen? Wird jetzt alles wieder so gut, wie es nie war? Gedanken von Alexander Solloch.

von Alexander Solloch

Und wenn dann irgendwann demnächst alles vorbei ist (oder fast), wenn "Corona" wieder ein Bier ist und ein Gedicht - was bleibt denn dann aus dieser bleiernen Zeit? Nie ist doch eine Zeit ausschließlich bleiern; wir haben ja auch in den vergangenen Monaten gelacht und gespielt und Quatsch gemacht.

Tierischer Zuwachs in der Familie

Zum Beispiel haben wir - wo wir gerade von Quatsch sprechen - einen Hund in die Familie aufgenommen. Und jetzt wundern wir uns, wenn wir mit ihm vor die Tür gehen: wie er immer zieht, wie er immer zerrt, wenn er eines Artgenossen auch nur flüchtig ansichtig wird, wie er sich über diesen alle zwei Minuten stattfindenden Skandal gar nicht mehr beruhigen kann! Wie es in ihm brodelt, in ihm zischt, wie er dem anderen am liebsten in die Gurgel bisse oder in den Schwanz!

Ja, "dem anderen", man muss es so sagen, weil Hunde ganz offensichtlich längst noch nicht diejenige Zivilisationsstufe erklommen haben, die es ihnen erlauben würde, ordnungsgemäß zu gendern. Hingegen wir! Beinahe schon auf dem Gipfelpunkt der Zivilisation! Immerhin kann man nicht sagen, dass wir jeden Passanten (oder jede Passantin, die schon gar nicht!), dessen (oder deren) Nase uns nicht passt, unverwandt zusammenschlagen.

Der Kampf um die Zivilisierung des Menschen geht weiter

Einige tun es natürlich doch, indem sie Rechtsradikale in die Parlamente wählen, die das Zusammenschlagen der Unliebsamen dann rhetorisch für sie erledigen, aber auch darin steckt vielleicht ein tieferer Sinn: Bevor die Sonne in unserer Galaxie nachhaltig randaliert, indem ihre (oh!) Korona den Merkur und die Venus verschluckt und sie die Erde gleichsam verbrennt, bevor das also in ungefähr sechs Milliarden Jahren passiert, muss uns ja noch die eine oder andere Aufgabe gestellt sein. Der Kampf um die Zivilisierung des Menschen geht weiter! Oder anders: "Der Kampf gegen die Dummheit hat gerade erst begonnen!" Mit diesem schönen Satz auf Plakaten, auf denen Springerstiefel oder Hühner in Massentierhaltung abgebildet waren, hat die Wochenzeitung "Die Zeit" vor 20 Jahren für sich geworben. Tut sie natürlich längst nicht mehr, weil ja heute immer alle so schnell beleidigt sind, und wer will schon, dass Björn Höcke weinen muss?

Entschuldigung, eine unsinnige Abschweifung. Die Frage war doch: Was bleibt? Was sollte bleiben aus dieser pandemischen Zeit? Nicht bleiben sollte jedenfalls diese aus Müdigkeit geborene gedankliche Zerfaserung, diese mentale Bruchstückhaftigkeit, deren angenehm geduldige Zeugen Sie gerade sind. Das sollte nicht bleiben.

Natürlich muss Homeoffice bleiben

Bleiben aber sollen all die schönen lustigen Hunde, die in dieser Zeit ein neues Zuhause gefunden haben. Tierschützer sagen vielen von ihnen eine Zukunft auf der Straße oder im Heim voraus. Homeoffice ist ja bald wieder vorbei, und dann…

Moment! Natürlich muss Homeoffice bleiben als Möglichkeit, als Ergänzung unserer Arbeitswelt, als kleine phantasievolle Ausschweifung. Kann man denn etwa sagen, in den letzten 15 Monaten sei irgendwie schlechter gearbeitet worden? Vielleicht ist hin und wieder mal ein Käsebrot mehr gegessen worden, und es ist während all der wichtigen Konferenzen zweifellos weitaus mehr Wäsche aufgehängt worden als früher üblich, aber gegen die sinnvolle Nutzung ehedem verschwendeter Zeit kann ja niemand ernsthaft Einwände erheben.

Homeschooling hoffentlich für alle Zeiten abgeschafft

Homeoffice also bleibt, abgemacht? Homeschooling hingegen, dieses grauenvolle Instrument zur Folter von Kindern und Eltern, ist hoffentlich für alle Zeiten abgeschafft! Was jedoch bleiben darf: die Erkenntnis bei den Eltern, welch großes Glück es ist, dass es Lehrerinnen und Lehrer gibt, die ihr schwieriges Handwerk verstehen, und die Erkenntnis bei diesen, welch zauberhaft wichtigen Beruf sie ausüben dürfen. Vielleicht kann ihnen dieses Wissen ein etwas schwungvolleres Lächeln ins Gesicht malen, als es die Statuten des Deutschen Lehrerverbandes vorsehen.

Eine Germanistik-Dozentin sagte ihren von tausend Online-Lehrveranstaltungen müde und depressiv gewordenen Studentinnen und Studenten zur Motivation, das Gute sei doch, dass jetzt endlich wieder während des Seminars geraucht werden dürfe. Ob das bleibt…? Vielleicht als ein kleiner Kringel Gelassenheit, der aus den Mündern und Nasenlöchern in die Lüfte steigt.

Und dann ist Corona nur noch ein Bier und ein Gedicht von Celan: "Es ist Zeit, dass der Stein sich zu blühen bequemt!"

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 04.06.2021 | 10:20 Uhr

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