Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Stilles Sterben, stille Nacht

Stand: 18.12.2020 11:38 Uhr

Seit Mittwoch greift der zweite harte Lockdown in Deutschland - und besondere Weihnachten stehen uns bevor. Wenigstens für diejenigen, die leben. Stephanie Pieper denkt am Ende dieses Corona-Jahres über die Toten und die Trauer nach.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann
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von Stephanie Pieper

Der Großvater von Donald Trump. Der Maler Egon Schiele. Die Feministin Margit Kaffka. Die Philanthropin Phoebe Hearst. Sigmund Freuds Tochter Sophie. Der Soziologe Max Weber. Der Bildhauer Heinrich Wefing. Sie alle starben, vor 100 Jahren, an den Folgen der Spanischen Grippe.

In diesem Jahr haben wir auch prominente Opfer der Corona-Pandemie zu beklagen. Der britische Schriftsteller Anthony Bailey. Die Philosophin Hasna Begum aus Bangladesch. Die französische Psychoanalytikerin Marguerite Derrida. Der US-amerikanische Jazz-Musiker Henry Grimes. Der tschechische Regisseur Jiří Menzel. Das sind nur einige Namen, deren Tod für Schlagzeilen gesorgt hat. Doch hier soll es um die für die Öffentlichkeit Namenlosen gehen - um jene mehr als 1,6 Millionen Menschen weltweit, die eine Covid19-Erkrankung nicht überlebt haben; registriert von der Johns Hopkins University, deren rot gefärbte Weltkarte dieser Tage demonstriert, dass kaum eine Region auf der Erde verschont bleibt von der zweiten oder dritten Welle dieser Pandemie.

Distanz dort, wo nur Nähe hilft

Ihr Sterben ist, einerseits, ein öffentliches Sterben: Jeden Morgen meldet das Robert-Koch-Institut, wie viele Personen hierzulande an oder mit dem Coronavirus gestorben sind. Wir wachen auf mit der Eilmeldung auf unserem Smartphone-Screen. Gestern waren es 813 Tote. Hinter dieser Zahl verbergen sich: 813 Menschen, ihre Familien, ihre Schicksale. Ihr Sterben ist, andererseits, ein stilles Sterben, ein einsames Sterben. Ohne die Liebsten an ihrer Seite, die sie beruhigen, küssen, streicheln, ihnen den Übergang von dieser Welt in eine andere erleichtern können. Ohne ein Mahnmal, das an diese Opfer erinnert. Ohne eine nationale Gedenkfeier - jedenfalls bisher. Ohne große Beisetzungen. Ohne dass wir die Angehörigen in den Arm nehmen können. Ohne das Beisammensein nach einer Trauerfeier. Ohne das gemeinsame, auch fröhlich-tröstende Erinnern an die Verstorbenen. Sterben und Trauern mit Abstand, auf Distanz, Kondolieren aus der Ferne - da, wo im Grunde nur Nähe hilft.

Es ist ein trauriger Tod und ein trauriges Abschiednehmen für jene, die zurückbleiben. All das lässt sich auch nicht nachholen, wenn wir endlich geimpft sind und einander wieder ohne Maske nahekommen dürfen. Und während in anderen Ländern die Zeitungen voll sind mit den Fotos und den Lebensgeschichten einzelner Corona-Opfer, eine oftmals bewegende Lektüre, hat diese Form der öffentlichen Trauer, der Würdigung der Verstorbenen in Deutschland eher keine Tradition. Warum eigentlich nicht? Weil uns das Einzelschicksal nicht interessiert? Weil wir es als Voyeurismus empfinden? Auch wenn es natürlich hier und da einfühlsame Porträts und Reportagen gibt: Wir scheinen auch das Corona-Sterben lieber aus der Distanz zu beobachten.

Weihnachten zum Gedenken nutzen

Und nun: Weihnachten 2020. Ein Fest, an das wir uns noch lange erinnern werden. Eine stille Nacht wird es für alle, die in diesem Jahr Großvater, Großmutter, Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Sohn, Tochter, Ehemann, Ehefrau, Freund, Freundin verloren haben. Eine stille Nacht wird es auch für alle, die geliebte Menschen auf der Intensivstation wissen, geplagt von einem schweren Verlauf, vielleicht mit dem Tod ringend. Wir sollten an diese Familien denken. Und ebenso an alle, die in der Pandemie ihren Job verloren haben, die einsam sind, die psychische Probleme haben, die sorgenvoll in die Zukunft blicken. Weihnachten ist sonst, wenn wir ehrlich sind, ja auch das Fest, an dem wir zu viel essen, zu viel trinken, wo wir von der Familie genervt, vom Konsumrausch erschöpft sind. In diesem Jahr werden wir selbst das vermissen, weil viele von uns darauf verzichten, ihre Familien zu besuchen - um andere und uns selbst zu schützen. Es wird leider nur a merry little Christmas.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 18.12.2020 | 10:20 Uhr

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