Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann

Schnelligkeit ist in der Corona-Zeit nicht alles

Stand: 25.02.2021 16:30 Uhr

Schnell, schneller, am schnellsten - das ist das Motto dieser jüngsten Corona-Woche. Aber irgendwie klappt es mit der Schnelligkeit gerade nicht so richtig, findet unsere Kolumnistin Stephanie Pieper.

Stephanie Pieper © NDR/ Foto: Christian Spielmann
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von Stephanie Pieper

Kostenfreie Schnelltests und Selbsttests auf das Corona-Virus - und das bereits vom kommenden Montag an! hatte uns der Bundesgesundheitsminister versprochen. Etwas leichtsinnig, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Denn ganz so schnell geht es nun leider doch nicht - und Jens Spahn, zunächst einer der politischen Shooting-Stars der Corona-Krise, muss dieser Tage erleben, dass, wer schnell nach oben geschrieben wird von der Journaille, ebenso schnell von derselben wieder heruntergeschrieben werden kann.

Auch das Impftempo lässt bekanntlich zu wünschen übrig - erst fehlte der Impfstoff, jetzt können die vorhandenen Dosen hier und da in den Impfzentren gar nicht vollständig verabreicht werden. Auch das bleibt schneller an Spahn bappen, als er Drei-Sekunden-Kleber sagen kann. Aufgepasst, Markus Söder: Wer - wie Spahn - schnell aufsteigt, kann auch schnell tief fallen. In Bayern wie in Berlin. So schnell strebt es sich eben doch nicht ins Kanzleramt, an dessen Zaun sich im Übrigen gerade Armin Laschet kettet - oder warum sonst übt sich der neue CDU-Chef in der Rolle als der schnelle Öffnungs-Offensivspieler auf dem Spielfeld der Ministerpräsidenten?

Während wiederum die amtierende Angela Merkel auch durch diese Krise so moderierend steuert wie durch viele andere davor - ein von ihr gepflegter Regierungsstil, der sich in ihrer Kanzlerin-Dämmerung allmählich zu erschöpfen scheint. Womöglich ist auch sie selbst erschöpft, verständlich wäre es.

Schnell weg mit diesen perfiden Pandemien

Das Motto nach dem monatelangen zweiten Lockdown lautet aber nun mal Tempo, Tempo, Tempo: Schnell raus aus dem Shutdown, schnell her mit den Öffnungen, schnell her mit der Perspektive, schnell wieder in die Schule, schnell ins Konzert, ins Museum, ins Theater, schnell zurück zur Normalität, schnell weg mit den Mutanten, schnell Schluss mit Corona, schnell weg überhaupt mit diesen perfiden Pandemien. Wenn es doch so einfach wäre.

Vielleicht tut sich Deutschland besonders schwer damit, die gegenwärtige Situation auszuhalten, wo wir doch so gern in vielen Disziplinen die schnellsten oder die Musterschüler oder die Weltmeister sind: Wir bauen die schnellsten Autos, befahren die Autobahnen ohne Tempolimit, prahlen mit den Champions und den Hidden Champions auf dem Weltmarkt, haben die beste Mannschaft (zumindest 2014).

Corona lehrt und zwingt uns, bescheidener und geduldiger zu sein

Und es ist ja auch grandios, wie schnell eine deutsche Biotech-Firma einen innovativen Impfstoff entwickelt hat - wer hätte das im Frühjahr 2020 schon gedacht, als uns noch prophezeit wurde, es werde womöglich Jahre dauern, ehe ein Vakzin entwickelt, getestet und zugelassen ist. Aber jetzt, wo die Impfstoffe da sind, marschieren wir plötzlich nicht mehr vorneweg, sondern hinken hinterher - Israel und, ja, selbst das viel geschmähte Großbritannien und die viel geschmähten USA sind uns beim Impfen teils weit voraus. Das kränkt unsere Ehre, das nährt unsere Selbstzweifel, das widerspricht unserer - typisch deutschen? - Sehnsucht nach dem schnellen Durchregieren.

Aber Gründlichkeit sollte weiter vor Schnelligkeit gehen - das möge auch in Corona-Zeiten gelten; selbst, wenn dies im Push-Nachrichten-Zeitalter eine altmodische Ansicht sein mag. Niemand mag derzeit das Lob der Langsamkeit singen, zu verlangsamt wirkt unser Alltag sowieso schon - und langsam soll das alles doch bitte mal ein Ende haben. Aber wer weiß schon, ob unsere Geduld nicht noch auf eine viel größere Probe gestellt wird?

Erleben wir mit Corona gerade die Pandemie des Jahrhunderts - oder stehen wir womöglich am Beginn eines Jahrhunderts der Pandemien? Wir hoffen gewiss alle, dass Ersteres zutrifft, weil wir uns Letzteres nicht vorzustellen vermögen. Ging es doch im Wohlstandswesten - nicht für alle, aber für viele - immer höher, immer weiter, immer schneller. Corona lehrt uns - und zwingt uns -, bescheidener zu sein, geduldiger. Und Langsamkeit auszuhalten.

 

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 26.02.2021 | 10:20 Uhr

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