Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Ode an den Gräfe

Stand: 13.05.2021 08:17 Uhr

Da kann ausnahmsweise einer mal so richtig was und muss dann doch in den unfreiwilligen Ruhestand. Das beklagt Alexander Solloch in seiner Kolumne.

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von Alexander Solloch

Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat am vergangenen Wochenende die Mitglieder seiner Partei aufgefordert, mit "Freundinnen und Freunden, am Arbeitsplatz und im Sportverein" über die Güte seines "Zukunftsprogramms" zu sprechen. Das Leben im Paralleluniversum muss also wirklich Spaß machen: Nicht nur kann man dort als Sozialdemokrat in die Rolle des siegessicheren Kanzlerkandidaten schlüpfen; es gibt dort zudem auch Sportvereine.

Da kann man dann, wenn wir Scholz richtig verstehen, hingehen und Leute treffen, womöglich sogar - nachdem man diese sozialdemokratisiert hat - gemeinsam mit ihnen Sport treiben. Schön wäre es, auf dieser Welt zu sein.

Keine Duldung der DFB-Altersdiskriminierung

In der etwas realeren Welt, die in rascher Abfolge und ohne nachhaltige Beeindruckungssymptomatik die SPD-Kanzlerkandidaten Steinmeier, Steinbrück, Schulz und Scholz sah und in naher Zukunft wohl ebenso ratlos die Kandidaten Weil und Heil zur Kenntnis nehmen wird, würde man ja doch recht gern einmal wieder bei seinem Sportverein vorbeischauen.

Vielleicht ginge dann vom 1.FC Neubrandenburg 04 (oder so) die Revolte aus, die es gerade so dringend braucht - der Aufstand gegen den Deutschen Fußballbund! Er muss sich gar nicht in erster Linie an diesem Gemisch aus Mauschelei, Mobbing und allfälligen Nazi-Vergleichen entzünden, das alles gehört ja zur Folklore eines anständigen Verbands dazu. Wirklich empörend und von keinem seiner Mitglieder zu dulden ist die vom DFB ins Werk gesetzte Altersdiskriminierung!

Obacht bei der Wahl seiner Diskriminierungen

Gegen ein kleines bisschen Altersdiskriminierung ist ja prinzipiell nichts zu sagen; aber man muss doch klug und dosiert vorgehen in der Wahl seiner Diskriminierungen! Über eine Altersgrenze für Bundeskanzlerinnen, bayerische Ministerpräsidenten und Liebesromanverfasser braucht man gar nicht lange zu diskutieren, die kann man sofort gern einführen. Aber da hat nun Deutschland einmal - einmal - einen guten Fußballschiedsrichter, schon muss er wieder, gewissermaßen auf dem Höhepunkt seines Schaffens, aufhören, weil er 47 ist und damit, nach den starren DFB-Begriffen, zu alt.

Gräfe, ein Schiedsrichter, den man Minuten lang nicht hört

Hören Sie nun also eine kleine Ode an Manuel Gräfe (die leider viel zu kurz geraten wird; der Kampf gegen die Kolumnistendiskriminierung hat gerade erst begonnen):

Mario Gräfe mit Pfeife im Mund weist in eine Richtung © picture alliance / Pressebildagentur ULMER | ULMER
Mario Gräfe am 6. April 2019 im Spiel FC Bayern München gegen Borussia Dortmund

Manuel Gräfe ist der einzig dastehende Fall eines Schiedsrichters, der den Fußball wirklich mag, der den Fußball inniger noch liebt als sich selbst. Ein Spiel ist für ihn ein lebendiger Organismus, dem man am besten einfach beim Leben zuschaut, dem man sich nicht ohne Not in den Weg stellt.

Normale deutsche Schiedsrichter werden nervös, wenn sie ihre Pfeife länger als zehn Sekunden nicht gehört haben, sie erleiden dann Zuckungen rund um die Mundpartie. Manuel Gräfe hört man oft viele Minuten lang nicht. Er ist einfach da, das reicht; er muss es nicht noch beweisen.

Der Fußballplatz als Utopie

Wird ein Spieler von der Erdanziehungskraft niedergerungen, richten sich alle Blicke auf den Schiedsrichter. Man erwartet einen Pfiff, einen Freistoß, denn der normale deutsche Schiedsrichter denkt, da wird schon was gewesen sein, ein Kontakt womöglich. Gräfe schüttelt begütigend den Kopf – weiter geht’s, keiner klagt. Als Autorität braucht er sich nicht zu inszenieren. Manchmal fragt man sich, ob er die gelbe und rote Karte womöglich zu Hause vergessen hat; er benötigt sie meistens gar nicht.

Er hat das Spiel im Griff, nicht weil er fehlerfrei wäre, natürlich nicht, sondern weil er es ernst nimmt, als Spiel, als Quell der Freude, nicht der Verbissenheit und Angst, als Kontaktsport im doppelten Sinn: ein Spiel, bei dem man sich berühren darf; ein Spiel, in dem der Schiedsrichter jederzeit bereit ist, den Spielern seine Entscheidungen zu erklären.

Der Fußballplatz als Utopie! Ou topos, der Ort, den es geben müsste: ein Ort, an dem sich erweist, dass wir Menschen mit Freundlichkeit und ohne überbordende Egozentrik doch nahezu alles regeln können.

Was tun? Wir müssen diesen Fall von Gräfe-Diskriminierung stoppen, wir alle. Bitte sprechen Sie darüber mit Freundinnen und Freunden, am Arbeitsplatz und im Sportverein!

 

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 14.05.2021 | 10:20 Uhr

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