NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke

NachGedacht: Zu spät ist zu spät

Stand: 31.07.2021 08:00 Uhr

Unser Nachdenker Alexander Solloch hat gerade seine Urlaubslektüre erworben - das kicker-Sonderheft. Und jedes Jahr wird es für ihn immer schwerer, es zu lesen.

NDR Kultur Literaturredakteur Alexander Solloch vor einer Backsteinwand. © NDR Foto: Manuel Gehrke
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von Alexander Solloch

Wenn wir uns in diesen Tagen pflichtschuldig durchs kicker-Sonderheft blättern, dieses Konvolut an Zahlen, Daten und Prognosen zur neuen Bundesliga-Saison, dann tun wir das natürlich in der Absicht, die kindliche Freude von einst wiederzubeleben. Was war das für ein Glück, an jenem bestimmten, lang schon erwarteten Freitagmorgen mit dem Bruder durch die noch schlafende versmogte Stadt zu sausen, pünktlich um sechs an den Türen des Bahnhofskiosks zu rütteln und der Verkäuferin zwei druckfrische knallrote Hefte zu entreißen! Auch noch eins für den ältesten Bruder? Ach nee, der liest ja nur Bücher, der Banause!

Wir bezahlten, fuhren aber nicht gleich wieder heim; noch am Fahrradständer verschafften wir uns erregt einen ersten Eindruck von den neuen Mannschaftsfotos, all diesen stolzen erhabenen Spielern, sie waren so groß und erwachsen und hatten das Ziel des Lebens erreicht, bald würden wir auch so sein wie sie.

Die jungen Fußball-Hoffnungsträger - noch unverschämt jünger

Dreieinhalb Jahrzehnte später ist das immer noch ein großer Moment: Hier bin ich, da ist das neue kicker-Sonderheft, wir zwei haben jetzt bitte eine gute Zeit miteinander. Aber es ist nicht leicht. Wenn wir heute die Mannschaftslisten überfliegen, Größe, Gewicht, Geburtstag jedes einzelnen Akteurs studieren, sehen wir Spieler, die geboren wurden, als wir schon pubertierten und so taten, als wären wir zu cool fürs kicker-Sonderheft: Jahrgang 1992, das sind dann schon die Routiniers, die alten Recken, die, die auf dem Platz vorangehen und vor dem letzten großen Vertrag ihrer Karriere stehen.

Unverschämter noch die jungen Hoffnungsträger, die Zukunft des Fußballs: Florian Wirtz, Jahrgang 2003, Youssoufa Moukoko, Jahrgang 2004… die wurden noch gewickelt, als man selbst schon seine ersten Schritte im Beruf ging, der dann übrigens doch nichts mit Fußball zu tun hatte, eher was mit Büchern.

Ziemlicher Drill an den Schulen

Gerade ist der zweite Roman von Lukas Rietzschel erschienen; vor drei Jahren erregte er mit seinem Debüt "Mit der Faust in die Welt schlagen" großes Aufsehen, da war er gerade 24! Jahrgang 1994, kann man denn da überhaupt schon schreiben? Muss ein ziemlicher Drill an den Schulen grad herrschen.

Auf der Suche nach Besänftigung stelle ich dankbar fest, dass in dieser Woche auch die Übersetzung des neuen Romans der britischen Autorin Claire Fuller auf den Markt gekommen ist. Das ist eine tolle Schriftstellerin mit einem einwandfreien Geburtsjahr, 1967, damit lässt sich arbeiten. Was aber gibt ihr Verlag über sie bekannt? "Claire Fuller kam erst mit 40 Jahren zum Schreiben." Sie hat's also gerade noch geschafft und kommt mit einem milden Tadel davon, wir hingegen, die wir die 40 überschritten haben und immer noch nicht "zum Schreiben gekommen" sind, können nur begütigend rufen, "jaja, is' schon gut, ich beeil mich doch", aber zu spät ist zu spät.

Von der Chefin zum Praktikanten

Neulich, als ich aus gegebenem Anlass nach meinem Impfpass suchte und Schubladen durchwühlte, in die schon lange keine Motte mehr geschaut hatte, fiel mir viel Aufregenderes in die Hände: alte Hausarbeiten, geschrieben mit Anfang 20. Ich lachte überheblich, konnte ich denn damals wirklich schon denken? Dann las ich und merkte: Oh, sogar so gut wie später nie wieder in knapp und klar und freudvoll formulierten Sätze, die zeigten, dass sich da jemand ausdauernd in ein Thema vertieft hatte, jemand auf dem Höhepunkt seiner Möglichkeiten, jemand, der der über Vierzigjährige nicht mehr ist.

Es sollte also ganz anders eingerichtet sein im menschlichen Leben, es sollte angesichts des schicksalhaften Wegs unserer Fähigkeiten so sein, dass der junge Mensch sein Berufsleben als Chefin beginnt und, kurz vor der Verrentung, als Praktikant beendet. Ich glaube, ich habe das hier vor Jahren schon einmal sehr konzise und überzeugend ausgeführt, was mir wegen meiner damaligen Jugend umstandslos möglich war, während Sie jetzt mit meinen umständlichen Unmöglichkeiten vorliebnehmen müssen, tut mir leid.

Glauben Sie es mir einfach, es wäre besser so, es wäre der schiere Fortschritt: erst Chef, dann Praktikantin.
Aber immer greift einer dem Fortschritt in die Speichen. Martin Mosebach, der fabelhafte Schriftsteller, feiert morgen am 30. Juli seinen 70. Geburtstag, und mit jedem Buch wird er besser, der alte Reaktionär.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

Unsere Kolumnisten lassen die Woche mit ihren Kulturthemen Revue passieren und erzählen, was sie aufgeregt hat. Persönlich, kritisch und gern auch mit ein wenig Bösartigkeit gespickt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 30.07.2021 | 10:20 Uhr

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