Claudia Christophersen © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Wo ist die Message von Ruangrupa?

Stand: 29.10.2021 06:00 Uhr

Das viel beschworene Neue. Die Sehnsucht danach ist groß. Und vielleicht passiert ja gerade etwas. In der Politik geht es voran. An anderen Stellen womöglich auch.

von Claudia Christophersen

Es war 2013. Roger Willemsen, Moderator, Publizist, kluger Zeitgenosse, ein ganzes Jahr hat er im Deutschen Bundestag verbracht. Als Besucher saß er auf der Zuschauertribüne, beobachtete, was da im Hohen Haus passierte. Erschrocken war er immer wieder über die Langeweile, die Müdigkeit, das Gähnen, das aus den Reihen der Abgeordneten kam. Viel zu früh ist Roger Willemsen gestorben.

Bundestag: Verjüngung des Hohen Hauses

In dieser Woche hätte er sich wahrscheinlich gewundert, vielleicht sogar gefreut. Was war da los an diesem Dienstag im Parlament: beste Laune, lachende, wache Gesichter. Ein Ensemble, nicht knöchern, steif, kontrolliert, sondern irgendwie federnd, mit Schwung, mit Neugierde auf das, was kommt, mit Tatendrang, Charme und Witz. Dieses Hohe Haus hatte sich an jenem Vormittag in Windeseile verjüngt mit seiner neuen Konstituierung, mit neuer Fraktionsstärke, mit neuer Platzverteilung, mit neuen blauen Sesseln für das bislang größte Parlament in der Geschichte der Bundesrepublik. Und mit einer neuen Bundestagspräsidentin. Bärbel Bas trat auf mit fester Stimme, souverän, einladend, authentisch, überzeugt von ihrer Sache. Wovon sprach sie? Davon, dass sie die Verantwortung gerecht verteilen will. Dass sie sich kümmern wolle, auch um diejenigen, die sich von der Politik abgewandt haben. Große Worte, große Herausforderung.

documenta 2022: Hierarchien und Ungleichheiten aufbrechen

Die bildende Kunst ist immer auch ein Spiegel der Politik. Das mag an dieser Stelle assoziativ klingen. Dennoch: Auch die weltweit wichtigste Ausstellung für Gegenwartskunst, die documenta, steht in den Startlöchern, stellt gerade ausgiebig Akteure und Projekte in Kunstmagazinen vor. Rechtzeitig bevor im nächsten Juni die "d15" eröffnet wird. Und genauso wie an diesem Dienstag im Bundestag, erhofft man sich auch hier eine Verteilung von Verantwortung, ein Aufbrechen von Hierarchien und Ungleichheiten. Man will einfach die alten, muffigen Konstellationen aufbrechen mit Menschen, die den anderen Blick haben auf das Herkömmliche.

Indonesisches Künstlerkollektiv Ruangrupa will Prozesse anstoßen

Die Antwort, die die documenta 2022 darauf gibt, heißt Ruangrupa. Das indonesische Künstlerkollektiv wird das vielstimmige Kunst-Orchester hundert Tage lang dirigieren. Wie die rund zehn Künstlerinnen und Künstler das genau und konkret machen wollen, ist die Frage. Ob sie das selber wissen? Ihr Konzept ist überschrieben mit Lumbung, übersetzt: Reisscheune. Reis als Grundnahrungsmittel, als etwas Existentielles. Alle sollen daran teilhaben. Das ist die Voraussetzung. Die Ideen für die inhaltliche Ausgestaltung kommen dann beim "Nonkrong", beim sich Treffen, Essen, beim - wie es heißt -gemeinsamen "Abhängen". Ruangrupa will sein Umfeld erspüren, geht auf die Straße, beobachtet Menschen, will Kontexte, Befindlichkeiten kennenlernen. Es soll ein Diskursraum geschaffen werden, in dem gesellschaftsverändernde Prozesse in Gang gebracht werden. Man stelle sich das in der Politik jetzt gerade bei den anstehenden Koalitionsverhandlungen vor.

Erinnert aber irgendwie auch an Joseph Beuys. Er wollte wissen: Was bewegt die Menschen, welche Fragen haben sie? 1972 installierte er auf der documenta ein "Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung". Was passierte in diesem Büro? 100 Tage in Kassel, an denen geredet wurde über das, was einen Staat ausmacht, über gesellschaftliche Belange, was alle betrifft, was alle angeht.

Reden ist ja immer gut. Die neue Bundestagspräsidentin hat es mit großer Verve in dieser Woche vorgemacht. Abwarten, ob sie den Anspruch hält. Wolfgang Schäuble jedenfalls hat Beifall geklatscht. Vor 20 Jahren war das indonesische Künstlerkollektiv bei der Biennale in Südkorea zu Gast. Ihr Motto dort: "We don't have any message today". In Kassel sollte mehr daraus werden.

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Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

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NDR Kultur | NachGedacht | 29.10.2021 | 06:00 Uhr

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