Alexander Solloch von NDR Kultur © NDR / Christian Spielmann Foto: Christian Spielmann

NachGedacht: Schluss machen

Stand: 25.06.2021 10:20 Uhr

Man soll aufhören, wenn's am schönsten ist. Aber aufzuhören ist schwer - vor allem auch dann, wenn's schon lange nicht mehr schön ist. Alexander Solloch hört nicht auf nachzudenken.

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von Alexander Solloch

Ein ganz seriöser Verlag hat in dieser Woche angekündigt, demnächst - Anfang August - ein Buch herauszubringen mit dem Titel: "Angela Merkel. Die großen Reden". Man denkt, dieses Buch müsste ungefähr so dick sein wie die Broschüren "Deutschlands besonnene Autofahrer", "Leckere Spargelgerichte" und "Joachim Löws verständlichste Entscheidungen". Aber nein, vorgesehen sind immerhin 200 Seiten, und die werden - versteht man die Verlagsvorschau richtig - durchaus nicht nur aus Vor- und Nachwort bestehen.

Vor 16 Jahren: Kein iPhone, keine Dreierkette

In einer ihrer großen Mitteilungen zum Nachdenken und Genießen hat Angela Merkel am Mittwoch erklärt, man glaube es nicht, aber als sie Bundeskanzlerin wurde, habe es das iPhone noch nicht gegeben, womit sie gleichsam andeutete, im Grunde habe sie, die große Digitalisiererin, es doch erfunden. Aber es stimmt ja auch, es sind Dinge geschehen in diesen nahezu 16 langen Jahren. Denn als Angela Merkel Bundeskanzlerin wurde, gab es auch noch keine Dreierkette, keine "NachGedacht"-Kolumne und keinen Bundestrainer Löw. Nicht jede Entwicklung wurde freilich von Merkel angestoßen, und nicht jede Entwicklung erscheint im Nachhinein geglückt; die Dreierkette hätte es nun wirklich nicht gebraucht.

Fernand Braudel und "La longue durée"

Wie aber sind solche unglaublich langen Amtszeiten, in deren Verlauf sich die Gesellschaften und ihre Kulturtechniken mehrfach revolutionär umstülpen, zu erklären? 16 Jahre Merkel, 15 Jahre Löw, da muss man seinen gerade volljährig gewordenen Kindern jetzt erklären, dass die Welt auch ohne das Wirken dieser beiden Ewigen alle Chancen hat, ein gedeihlicher Ort zu werden. Als einst der Historiker Fernand Braudel den Begriff "la longue durée" - "die lange Dauer" - prägte, dachte er an eben solche Phänomene: Hier vereinen sich das Verlangen der Menschen nach Beständigkeit und Gewöhnung mit dem Verlangen der Beständigen und Gewöhnlichen, das, was Spaß macht und Bedeutung verleiht, nicht so schnell wieder aufzugeben. "Nicht so schnell" bedeutet: erst einmal eigentlich schon auch überhaupt gar nicht. Weil Braudel, der 1985 starb, Merkel und Löw nicht kennen konnte, nannte er als Beispiel die Feudalherrschaft oder die Tatsache, dass Barcelona am Meer liegt, ein Umstand, an dem sich über Jahrhunderte nichts geändert hat. Solche Geschichten enden nie oder jedenfalls sehr spät, weil sich immer jemand findet, der einen Vorteil aus ihnen zieht, im Zweifel mindestens der Feudalherr oder das Meer.

Jögi Löw: Mit Eigensinn und Sturheit

Lassen wir die Belange der Kanzlerin mal eben beiseite und widmen uns unserer kulturellen Kernkompetenz. Was fällt uns nach dieser herrlich-schlimmen EM-Vorrunde noch zu Joachim Löw ein? Man darf schon auch darüber nachdenken, dass es wohl für alle gut gewesen wäre, wenn er sich nach gut 100 Länderspielen, sagen wir also: nach dem hübschen WM-Sieg 2014, zum Aufhören hätte entschließen können. Seitdem hat sich die Nationalmannschaft in keinem Bereich weiter-, in sehr vielen Bereichen hingegen zurückentwickelt, was man in keiner Weise behaupten kann von Löws ja immer schon vorhandener Neigung, mit Eigensinn (von manchen auch S-t-u-r-h-e-i-t buchstabiert) dem applaudierbereiten Publikum zu beweisen, dass Ideen, die gar nicht funktionieren können, immer dann funktionieren, wenn sie aus seinem Künstlerkopf kommen. Dass zum Beispiel im vermaledeiten Spiel gegen Ungarn Leroy Sané spätestens nach einer Stunde hätte ausgewechselt werden müssen, sah jeder Literaturredakteur. Der Bundestrainer hingegen wechselte Kai Havertz aus, nachdem er ein Tor geschossen hatte, das vermutlich Löws ästhetischen Ansprüchen nicht so sehr entsprach.

Etwa 100 Kolumnen noch

Man kann natürlich nicht immer nur andere anpöbeln; man muss auch sich selbst fragen, warum man eigentlich tut, was man tut, wie lange noch und mit welchem Ziel. Joachim Löw wird die Nationalmannschaft am sehr baldigen Ende seiner Amtszeit in ungefähr 200 Länderspielen betreut haben. Das bedeutet für diesen NachDenker: bloß noch etwa 100 Kolumnen, dann wird's Zeit für ihn zu gehen.

 

Weitere Informationen
Ulrich Kühn, Claudia Christophersen und Alexander Solloch. © NDR Foto: Christian Spielmann

NachGedacht

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NachGedacht | 25.06.2021 | 10:20 Uhr

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